Pnyxomancer
Tagebuch

16. Juli 2008

Fortschrittsbalken Studium

Abgelegt unter: TagebuchSteve um 13:08

Fa­st ge­scha­fft! Habe me­i­ne Prü­fung vor­ge­s­tern nicht nur über­stan­den, son­dern auch be­stan­den – mit ei­ner glat­ten Eins. Mir fällt ein Stein vom Her­zen. Jetzt muss ich nur aufpassen, dass der Stein nicht zu groß ge­we­sen sein wird, denn es st­eht am 4. die näch­ste an.

Aber Kat­ja ist eh in der näch­sten Wo­che bei ih­ren El­tern und die Son­ne kommt auch nicht raus. Da kann ich mi­ch ge­na­uso­gut in Ar­beit ver­graben.

9. Juli 2008

Loslassen können

Abgelegt unter: TagebuchSteve um 23:52

Ich fin­de in den letzten Wo­chen du­rch mei­ne Prü­fun­gen und Arbeit immer we­ni­ger Zeit, mich in den Fachschafts­ak­ti­vi­tä­ten zu in­vol­vie­ren. Nun, besser ge­sagt, ein­zu­mi­schen – denn ei­gentlich hät­te ich der näch­sten Ge­ne­ra­ti­on schon lan­ge das Feld über­lassen sol­len und wol­len. Aber trotzdem ist es sehr schwer, die gan­ze Sa­che ein­fach los- und lau­fen zu lassen.

In diesen Ta­gen wird mir erst klar, wie falsch ich mit dem Gedan­ken lag, dass man so etwas wie ei­ne Fachschaft an Nach­fol­ger über­geben kön­nte. Über­geben tut man nämlich Häu­ser, Hö­fe oder Schiffe, nicht Fachschaften. Je­de po­li­ti­sche Or­ga­ni­sa­ti­on be­ste­ht nur zur Hälfte aus ih­ren messba­ren Ei­gen­schaften wie Me­tho­den, Wissen und Kon­tak­ten; die an­de­re Hälfte sind Zie­le, Träu­me und An­sich­ten, und die müssen not­wen­di­ge­rwei­se ver­schie­den sein.

Sch­a­de nur, dass ich von diesen neu­en An­sich­ten nicht viel hal­ten kann. Die­ser Ta­ge wird viel zu ge­rn mit Ver­mu­tun­gen ge­arbei­tet und im großen Krei­se ge­mau­schelt, statt je­man­den zu fra­gen, wie denn die Din­ge sind. Re­ge­lstu­di­en­zeit wird zum Mantra, und man zie­ht sich selbst aus falsch verstan­de­ner Rück­sicht­nah­me die po­li­ti­schen Zäh­ne.

Ei­gentlich, ei­gentlich ge­hen mich die­se Din­ge ja nun nichts mehr an. Aber es ist trotzdem verdammt schwer, die „Klei­nen” ein­fach so ma­chen zu lassen. Na ja, aber es muss ja sein, und besser früher als spä­ter. He­lfen lässt sich da so­wie­so nie­mand mehr.

8. Juli 2008

De rei scribandi

Abgelegt unter: TagebuchSteve um 22:52

Ei­gent­lich ha­t­te ich die­sen Blog ja nicht nur dazu ge­dacht, Rol­len­spiel na­ch­zuerzäh­len. Ei­gent­lich, ja ei­gent­lich, soll­te ein Blog ja vor al­l­em ein Weg sein, mit dem Le­bensw­eg ei­nes Men­schen, für den man sich in­ter­essiert, ver­traut zu blei­ben. Desha­lb will ich al­len in­ter­essier­ten Le­sern einen ku­r­z­en Abriss me­i­ner letz­ten paar Wo­chen ge­ben:

Mein Studi­um neigt sich sehr ge­fähr­lich dem En­de zu, und es wird wohl das letz­te Se­me­ster mit dem Ausweis wer­den. Mon­tag ha­be ich die ei­ne der bei­den Prü­fun­gen über Ex­pe­rime­n­tal­phy­sik, und am 4.8. die an­de­re über Pro­gram­mi­er­sprachenüber­set­zer.

Ich sit­ze auch schon an der Di­plom­ar­beit, de­ren Th­e­ma Supe­r­auflö­sung mi­t­tels opti­scher Mo­lekü­le sein wird: Un­se­re Ar­beits­gruppe kann mit ge­schick­t­em An- und Aus­scha­l­ten so­ge­na­nn­ter optisch scha­lt­barer Mo­lekü­le die theo­re­tisch er­reich­bare Auflö­sung von Mi­kro­sko­pen um den Fak­tor 10 über­treffen. Wir kön­nen mit opti­sch­em Licht Struk­turen sehen, die vor­her nur mit rie­si­g­em Aufwand durch Elek­t­ro­nen­mi­kro­sko­pen be­trach­tet wer­den konn­ten. Mei­ne Rol­le dabei ist, die Be­rech­nung der Bil­der zu ver­ein­fachen und vor al­l­em schnel­ler zu machen – denn für die "nor­malen", schon vor­se­lek­tier­ten Ausschnit­te von Zel­len ha­ben die mit heißer Nadel ge­strick­ten Mat­lab-Skripte, die bei Phy­si­kern üblich sind, Stun­den ge­braucht. Mein Pro­gramm braucht ei­ne Mi­nute.

Ge­stern ha­ben Kat­ja und ich un­ser neu­n­mo­na­ti­ges Be­zi­ehungsjubilä­um ge­fei­ert. Ich weiß zwar nicht, wie das mög­lich ist, aber ich lie­be sie je­den Tag me­hr. Die Zeit fühlt sich noch so un­er­war­tet nah an, als wir uns nä­her ge­kom­men sind – die Zeit, in der ich mor­gens aufge­wacht bin und er­stmal me­i­ne Ge­füh­le in den Griff be­kom­men mus­s­te, als ich me­i­nen gan­zen Mut zusam­men nehmen mus­s­te, um in ih­rer Nä­he nicht durch­zudr­ehen. Ich hoffe ja im­mer, dass die­se Aufr­egung nicht weg ist – dass ih­re Lie­be mir nur die Kraft gibt, sie in neue Rich­tun­gen zu len­ken. Und, so mir das fli­e­gen­de Spaghet­ti­mon­ster hel­fe, un­se­re Lie­be und Be­zi­ehung dabei nicht zu ku­rz kom­men zu lassen.

Zu den schlech­teren Nach­rich­ten: Mein Rech­ner hat sich ver­abschie­det, na­ch­d­em ich ihm ein neu­es Netz­teil ver­pas­st ha­t­te. Und­dank­bares Mi­stding. Na ja, dank guten Backu­ps kann ich jetzt hier we­nig­stens an ei­n­em Knoppix ar­bei­ten, und bis auf die Qwertz-Ta­statur und die komi­sche Deskto­p­um- ge­bung fällt es nicht großar­tig auf.

21. Mai 2008

Man paddelt nur zweimal

Abgelegt unter: TagebuchSteve um 20:05

Für Katja und mich ge­ht es mor­gen früh auf in den Fron­leich­nams­u­rlaub, auf nach Meck­lenburg, auf an die Müritz.

Ich habe dabei ein etwas selt­sa­mes Ge­fühl. Das letzte Mal war ich 2005 dort, zu­sammen mit An­dre­as und Er­kan. Ei­ne schö­ne Rei­se war das, der Stoff, aus dem Rei­se­fil­me sind: Drei Män­ner, ein Boot, ein Ziel. Für mich war es ei­ne der letzten Epi­so­den vor der Dubli­ner Zeit.

Wenn ich mich an damals er­in­ne­re, fäl­lt mir vor al­lem ein Wort ein: Zi­ello­sigkeit. Die Fachschaft Tech­nik war damals ein ziemlich sterbender Hau­fen, aus dem sich Ak­ti­ver für Ak­ti­ver abgeseilt hat und den die Ers­tis ge­mie­den haben; mein Stu­di­um ge­stal­te­te sich nach dem Vor­di­plom auch immer schlep­pen­der und ziello­ser. Nur ei­ni­ge Wo­chen vor­her war Fio­na mei­ner un­ge­schick­ten Avan­cen endlich mü­de ge­wor­den und hatte mir endgül­tig er­klärt, mich nicht mehr se­hen zu wol­len und mir auch vor­ge­schla­gen, nach Ir­land nicht mehr in mei­ne al­te WG zu­rück­zu­keh­ren.

Es hat sich viel geän­dert seitdem, und es ist noch viel mehr Zeit ver­gan­gen. Vie­le Din­ge, die ich in die­ser Zeit wol­lte, brauch­ten viel Zeit zur Umsetzung, und oft war es mein Feh­ler und mei­ne Schuld, sie nicht vor­an zu treiben. Jetzt, vor die­ser näch­sten Rei­se, ste­ht mei­ne Zu­kunft erst wie­der so da, wie ich sie will. Die schön­s­te Frau, die ich je traf, fährt an mei­ner Sei­te; mein Di­plom ist an­ge­meldet, und ich habe fast ein Di­plomarbeits­the­ma; ich woh­ne in ei­ner ak­ti­ven WG; und, last but not least, ich ma­che mir kaum Sor­gen um die Zu­kunft der Fachschaft.

Vie­les davon hat Mut ge­ko­s­tet. Ei­nen Mut, die der klei­ne Jungs­tu­dent, der damals nach Meck­lenburg fuhr, nicht hatte. Mut, den ich mir in den letzten Jah­ren müh­sam aufbau­en musste. Die­ser Aufbau hat mich viel Zeit ge­ko­s­tet, wohl in ei­ner ganz an­de­ren Lebens­ph­a­se, als das nor­ma­ler­wei­se pas­siert: Aber ich hoffe, ich habe ihn nun und bin damit ber­eit für den näch­sten Abschnitt des Lebens. Denn der kommt nun mit un­aufh­alt­sa­men Sch­ritten, denn mei­ne Prü­fun­gen sind an­ge­meldet und ein Di­plomarbeits­the­ma ste­ht in den Start­lö­chern.

Aber jetzt muss erstmal etwas Was­ser ver­drängt, ei­ne schö­ne Frau glück­lich ge­macht und Son­ne ge­nossen wer­den.

1. Mai 2008

KIF 36.0 in Magdeburg

Abgelegt unter: TagebuchSteve um 22:26

Ku­rzer Be­richt vom Stand der Din­ge auf der Kon­fe­renz der In­for­ma­tik­fachschaften:

Hin­fahrt war die Höl­le, an ei­nem Himme­lfahrtsnach­mittag auf ei­ner der größ­ten ICE-Li­ni­en Deut­schlands. Na ja, ich hatte einen re­ser­vier­ten Platz und mir auf der zwei­ten Eta­ppe auch die Mühe ge­macht, mich zu ihm du­rch­zukämp­fen und ihn dann zu bean­spru­chen – wo­zu ich mich nach überha­s­te­tem Ein­stieg du­rch an­derthalb vollbesetzte Wa­gen kämp­fen musste, mit Trek­kin­gruck­sack, Sch­lafsack und Iso­matte. Al­so Ruck­sack übern Kopf und du­rch – wenn man was auf dem Kopf hat, was verdammt schwer aus­sie­ht, ge­hen ei­nem die Leu­te selbst dann aus dem Weg, wnn sie ge­ra­de noch glaubten, kei­nen Platz dazu zu haben.

Als ich dann auf der KIF war, kam gleich das lei­di­ge Eröffnungs­ple­num: Vie­le, vie­le Be­rich­te aus den an­wesen­den Fachschaften, in­ter­ner Quatsch, sau­fen­de Ber­li­ner. Dann Pau­se, Be­spre­chung vie­ler Arbeits­krei­se. Zum Bei­spiel Mas­sa­ge. Über zwei Stun­den für die An­wesen­heits­fra­ge zu sechs oder sieben Arbeits­kreisen. Grumph.

Heu­te war dann großer Ba­che­lor-Ma­s­ter-Be­spre­chungs­tag, vier Stun­den Be­rich­te aus ver­schei­de­nen Unis. Wir haben vie­le We­ge gehört, Din­ge auf vie­le ver­schie­de­ne Ar­ten zu re­geln, und immer­hin das er­reicht, wo­zu ei­ne Kon­fe­renz wie die­se gut ist - Über­sicht. Und ei­ne Ini­tia­ti­ve ge­grün­det, die die ge­sammelte Weis­heit zur Ba­che­lor-Ma­s­ter-Umste­llung de­stil­lie­ren und on­li­ne ste­llen wird. Ich muss sa­gen, die Sitzung war erstaun­lich ge­ordnet und trotzdem offen für ei­ne so große und selte­ne Kon­fe­renz, aber es haben sich auch kaum Alt-Kiffe­ls betei­ligt.

An­schließend Skatspiel in der Son­ne und Stadt­rundgang; dann Abendpro­gramm. Nix schreck­lich in­ter­essan­tes, und bis jetzt wird hier erstaun­lich we­nig Networ­king betrieben und erstaun­lich viel Zeit tot­ge­schla­gen, aber das kann sich ja auch noch än­dern. Immer­hin ge­nießt hier je­der auch ein we­nig wohl­ver­dien­ten Ur­laub un­ter Mit-Geeks.

25. März 2008

Liebe existiert

Abgelegt unter: TagebuchSteve um 21:28

Der Blick, mit dem man sich ein­fach ver­ste­ht. Aufwa­chen und das Wun­der des Vo­lu­mens in ih­rem Haar bestau­nen. Lä­cheln, das mein Herz zum Schme­lzen bringt. Ein­fach ver­trau­en wol­len und kön­nen. Ihr Ge­ruch, der sich auf ewig ins Ge­dächt­nis ein­ku­schelt. Gleich­zei­tig Re­spekt und Nä­he zu ver­spüren. Und Ver­lan­gen.

Das al­les ist die Liebe, die schon ge­gen die Käl­te ei­nes gan­zen Herbs­tes und Win­ters in mir bren­nt. Sie ist echt, und sie kann hal­ten. Desh­alb rei­he ich mei­ne Stimme ein in die­je­ni­gen, die hin­aus­ru­fen:

Gib Liebe ei­ne Ch­an­ce – Fürs Früh­stück am Mor­gen da­nach

13. März 2008

Ankündigung: Laser statt Brille

Abgelegt unter: TagebuchSteve um 13:50

Ich habe mich gestern zur Vor­un­ter­su­chung für ei­ne LASIK nach Detmold ge­wagt. LASIK, das ist ein Ver­fah­ren, bei dem ein fehl­sich­ti­ges Au­ge ge­nommen und mit ei­nem klei­nen Messer oder etwas größe­rem fe­mto­se­kun­de­nge­pul­sten La­ser ei­ne Scheibe von dessen Hornh­aut abgenommen wird. Dann kommt ein großer La­ser und bren­nt ei­ni­ge Mi­kro­me­ter Hornh­aut weg – ge­ra­de so viel, dass die Brech­kraft der Lin­se ge­nau auf die Län­ge des Au­ges ein­ge­ste­llt wird.

Man wür­de ja den­ken, dem wä­re von Na­tur aus so, aber ziemlich vie­len Men­schen ge­ht das nicht so: Nämlich al­len ku­rz- und weitsich­ti­gen. Bis­her hat man der Ma­schi­ne Kör­per in sol­chen Fäl­len mit Bril­len und Linsen behol­fen, aber seit Mitte der 90er kor­ri­giert man den Pfusch, der bei der ge­ne­ti­schen Fort­pflan­zung entstan­den ist, eben über das di­rek­te Verbessern der Hornh­aut. Inzwi­schen ist die Me­tho­de recht aus­ge­reift, und als gu­ter Cyber­punk will man an die­sem Sieg von Tech­nik über Na­tur schon ge­rn teilh­aben.

Am 10. April ist mei­ne OP. Drückt mir die Dau­men.

6. März 2008

Von Steinen und Deutschen

Abgelegt unter: TagebuchSteve um 01:15

In den letzten Wo­chen hatte ich, neben dem Ler­nen, die große Eh­re, das Spie­lerhandbuch zur 7th Sea zu lesen. Die Welt der Siebten See, das ist ei­ne Rol­len­spielwelt im Eu­ro­pa des 17. Jahr­hun­derts, in der all die Ge­schich­ten um die großen Helden die­ser Zeit wirk­lich pas­sie­ren: D'Ar­ta­gnan, Zor­ro, Fran­cis Dra­ke, Wil­liam Tu­rner und Jack Spar­row sind die Ar­che­ty­pen von Ch­a­rak­teren (al­so spielba­ren Rol­len); die Rettung von Kö­nigrei­chen, die Erober­ung von Jungfrau­en und die Wah­rung ih­rer Eh­re das Ziel.

Ana­log zum Vor­gän­gerspiel Le­gend of the Fi­ve Rings hat AEG sich für die Siebte See einen rea­len Kon­ti­nent ge­nommen und ihn kräftig du­rch den Mi­xer ge­rührt, ein­mal ge­siebt und dann neu ge­ordnet. Übrig blieben Ste­reo­ty­pen der sieben großen Na­tio­nen Eu­ro­pas: Bri­tan­ni­en, Frank­reich, Spa­ni­en, Ita­li­en, Deut­schland, Sch­we­den und Russland.

Es ist ja schon in­ter­essant, sich die Kli­schees über das ei­ge­ne Land du­rch­zu­lesen. Da wird ge­schrieben über Men­schen mit ei­nem unbeugsa­men Wil­len und unglaubli­chem Mut; da wird ge­schrieben von ei­ner Spra­che, die kein Wort für su­rren­der ken­ne[1]. Und die Deut­schen, die im gan­zen Buch abgebil­det sind, spre­chen wei­te­re Bän­de: Mit bei­nen Bei­nen ste­hen sie fest und unbeweglich da, im Re­gen und Matsch, die Mie­nen aus­drucks­los bis grimmig. Auf den ers­ten Blick fäl­lt es fast schwer, sie von den dahin­ter lie­gen­den Stei­nen zu un­ter­schei­den. Unbeweglich, fest, starr.

Wenn man in ei­nem Land lebt, glaubt man das ja nie. Die ei­ge­nen Leu­te sind immer nor­mal. So vie­le aus­drucks­star­ke Deut­sche ken­nt man doch. We­ll, seit Don­ners­tag wohnt bei uns in der WG Ana, ei­ne Gaststu­den­tin aus Ar­gen­ti­ni­en/USA, und wenn man mit ihr spricht, fal­len ei­nem die al­ten Lek­tio­nen aus Ir­land wie­der ein: Wahr­heit ist der Fa­den, aus dem Ste­reo­ty­pe ge­woben wer­den.

Es muss wirk­lich gött­lich ge­wesen sein, zu­zu­se­hen, wie die­se Frau ge­ra­de­zu in ih­rem Sessel tanzte, wäh­rend ich in un­se­rer al­ten Couch saß und mit wohlüber­legt platzier­ten Ge­sten mei­ne Re­de un­ter­strich. Da spür­te man selbst, am ei­ge­nen Kör­per, die Unbeweglich­keit, mit sich in deut­scher Umgebung bewegt. Wie aus dem Stein des Kli­schees geh­au­en.

Es muss trotzdem ei­ne Freu­de für einen sprun­gh­aften Men­schen sein, solch ei­ner An­sammlung von sta­bi­len Men­schen zu­zu­se­hen. Wie wä­ren Deut­sche sonst im Aus­land so beliebt ge­wor­den? Sta­bi­li­tät, Zu­ver­läs­sigkeit, Unbeein­druckt­sein und Bo­denh­aftung, all das sind gu­te Ei­gen­schaften, die Stei­ne und Deut­sche in der Sa­ga tei­len.

Doch: Wenn Stei­ne oder Deut­sche un­kontrol­liert in Be­we­gung ge­ra­ten, gibt es vie­le To­te.

[1] Die Iro­nie ist wohl, dass Deutsch mit "Er­geben" und "Ka­pi­tu­la­ti­on" weit besser da­ste­ht als Englisch, dass sich su­rren­der so­gar lei­hen musste

Regenwetter

Abgelegt unter: TagebuchSteve um 01:15

Der Mensch ist ein Seil, ge­span­nt zwi­schen Tier und Über­mensch.

Lei­se trommeln die Trop­fen ge­gen mein Fen­s­ter. Nein, ei­gentlich ist es kein Trommeln, dazu ist der Klang nicht dun­kel ge­nug; es ist auch kein Pras­seln, denn dazu ist er nicht entschie­den ge­nug. Vi­e­lleicht kann man das Geräusch ein Nie­seln nen­nen. Doch egal, wie man es nen­nt: Es ist die rich­ti­ge Un­ter­ma­lung für einen Tag wie diesen.

Die Wo­che Re­gen­wetter hat sich tief ins Ge­müt ge­fressen. Ein trüber Himmel trübt den Geist: Will ich pro­grammie­ren, kommt kei­ne sin­nvol­le Zei­le aus den Fin­ge­rn, und ich schmeiße mehr um und schreibe neu, als ich vor­wärts­komme. Will ich ler­nen, star­re ich doch die Hälfte der Zeit sehnsüch­tig auf dem Himmel. Will ich das Rol­len­spiel vorber­ei­ten, kommt kein Wort aus der Fe­der, und ich ver­lie­re mich nur in dämli­chen Ide­en und großen Plä­nen – de­nen aber der ers­te Sch­ritt fehlt. So wie al­lem im Mo­ment. Nur das Bett sie­ht halbwegs ein­la­dend aus. Selbst aus der sonst so treu­en und für ver­re­gne­te Ta­ge ge­ei­gne­ten Mundh­ar­mo­ni­ka kommt kein Ton.

Wo­her kommt das? Wie­so bin ich, ein Ver­tre­ter der herrschen­den Spe­zi­es die­ses Pla­ne­ten, ein hoch­in­te­lli­gen­tes Wesen, von ein paar Trop­fen Was­ser und ein bis­schen Dampf in­ner­lich außer Ge­fecht zu setzen? Beim Anblick der welken Blät­ter, die ein klei­ner Tor­na­do draußen du­rch die Straßen treibt, über­kommt einen nur noch Me­lan­cho­lie, kein Erstau­nen über die Wun­der der Na­tur. Es gibt nur noch Sch­laf, Sch­laf, so viel Sch­laf.

Der Mensch ist eben doch, trotz al­ler In­te­lli­genz, al­ler Träu­men und Hoffnun­gen, al­ler Liebe und al­lem Welt­schmerz, al­ler To­desver­ach­tung und al­lem Idea­lis­mus, trotz al­le­dem, ein Tier. Ein Tier, das we­der sich selbst voll im Griff hat noch sei­ne Umwelt. Ja, ei­ne glo­ba­le Er­wär­mung herbei­füh­ren, das kann der Mensch – doch den verdammten Re­gen un­ter Kontrol­le brin­gen, das ist auf ein­mal zu viel.

Die Uni Bie­le­feld symbo­li­siert dies wun­der­schön. Auf der einen Sei­te ist da die Uni im Son­nen­schein:

Groß ste­ht sie da, mäch­tig und erhaben: In den blau­en Himmel re­cken sich die endlosen Tür­me, dazwi­schen ste­hen breitschult­rig die Bau­tei­le da und bie­ten zwan­zigtausend Men­schen Platz. Größer war auch das World Tra­de Cen­ter nicht, und nicht halb so erhaben. Ei­ne Mei­s­ter­leis­tung ei­ner Ge­se­llschaft, die inzwi­schen un­ter­ge­gan­gen ist.

Und daneben die Uni bei Re­gen, von der es aus gu­tem Grund kein Fo­to im Netz gibt: Un­ter der vi­su­e­llen Last der Wol­ken schei­nen die Tür­me ein Dut­zend Me­ter kür­zer. Nicht mehr stre­cken sie sich stolz in den Himmel; nein, es scheint, als müssten sie zu­sätzlich zur Last der Bau­tei­le nun auch noch den Himmel hal­ten und sei­en der Aufgabe nicht ge­wachsen. Klein scheint die Uni an so ei­nem Tag: Ei­ne dre­cki­ge Höh­le aus müh­se­lig zu­samme­nge­gossenem Be­ton, qua­li­ta­tiv nicht mehr als ein aus­gehöhlter Baumstamm für einen was­ser­scheu­en Affen. Und wahr­schein­lich ist die­ses Bild so­gar das weit prä­zi­se­re als das große, mäch­ti­ge, das sich uns in der gu­ten Stimmung ei­nes son­ni­gen Ta­ges bie­tet.

In neuem Heime

Abgelegt unter: TagebuchSteve um 01:15

Ach, der Mensch ist schon ein ko­mi­sches Wesen. Ich sitze hier ge­ra­de das ers­te Mal nach mei­nem Umzug an mei­ner Ma­schi­ne und bin schon wie­der vie­le Stun­den hin­ter mei­nem tol­len Zeitplan; die Wand ist nur halb ge­stri­chen, links von mir blo­ckie­ren zwei lan­ge Sch­rän­ke mein Bett, rechts von mir nimmt der Sch­reibtisch das halbe Zimmer ein, statt sich schön in die Ecke zu fü­gen, und mir lässt das Gan­ze noch ge­nau 5 De­zi­me­ter Platz, in de­nen ich mich jetzt ein­ge­rich­tet habe. Na­tür­lich kaum frei­wil­lig — nein, das Licht ließ mir ein­fach kei­ne an­de­re Wahl mehr, als das Strei­chen abzubre­chen.

Doch ich bin glück­lich und stolz. Draussen fährt die Bahn vorbei und man hört sie kaum noch, das Wohn­zimmer ist tatsäch­lich bewohnt, und mir schi­en vor­hin gar die Son­ne ins Zimmer — oh­ne, dass sie mir an­zei­gen wol­lte, endlich früh­stü­cken zu wol­len. Das Leben ist schön.

Trotz al­ler phy­si­schen Wi­der­wär­tigkei­ten wie Sch­la­fen auf ei­ner Iso­la­ti­ons­matte und PVC-Bo­den, wie feh­len­dem Klei­der­schrank und feh­len­dem Rech­ner, wie gekürzter Mu­sik und Scho­ko­la­de und trotz al­ler Farbdämp­fe und stu­pi­der Streich­arbeit. Oder, vie­lleicht, we­gen all die­ser Din­ge. We­gen all die­ser Din­ge, die einen Aka­de­mi­ker wie­der zu ei­nem Men­schen im ursprüngli­chen Sin­ne ma­chen kön­nen: Ei­nem Tier, das sei­ne ei­ge­ne Höh­le nicht nur bau­en, son­dern auch strei­chen und möblie­ren kann.

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