Pnyxomancer
Politik

23. April 2008

Machtlosigkeit

Abgelegt unter: PolitikSteve um 23:34

Manche wissen ja, dass ich zusammen mit Madis und Katja die Studenten in der Fakultätskonferenz, dem höchsten Gremium der TechFak (der Fakultät für Informatiker und Biotechnologen) an der hiesigen Uni, vertrete.

Heute ging es daran, den letzten der drei Professoren für den Exzellenzcluster zu berufen, den die Fakultät neulich bekommen hat. Bei Gott, ich kann euch sagen: Es ist verdammt schwer, gute Professoren zu finden. Das hat Deutschland aber auch verdient – wer den Weg zum Prof steinig und voller Zweijahresstellen macht, soll sich nicht wundern, dass ihn keiner geht.

Wie dem auch sei, wir saßen also beisammen und überlegten, ob wir den Kandidaten, auf den sich die Berufungskommission mit großen Mühen einigen konnte, auch wirklich berufen sollten. Natürlich haben wir uns auf ihn geeinigt – 6 Stimmen dafür, eine dagegen, drei Enthaltungen. Wir haben uns alle super verstanden und gütlich geeinigt, und die Studenten haben mal wieder verloren.

Und ich habe das Gefühl, schlechter vorbereitet gewesen zu sein, habe das Gefühl, dass wir über den Tisch gezogen wurden. Hat nicht der gleiche Mensch, der uns heute versicherte, die Lehrevaluation dieses Dozenten sei gar nicht so schlecht gewesen, noch vor wenigen Monaten offen gelogen, dass die technische Fakultät die Studiengebühren dringend brauche? Und nur wenige Monate später wussten wir nicht, wohin mit dem Geld. Hat er uns heute wieder so über den Tisch gezogen? Wir werden es wohl bald erfahren, oder auch nicht.

Jeden Tag wieder ist Politik für die Studierendenschaft ein ermüdender Kampf: Die Fakultät hört uns an, macht aber im Zweifel ihr Ding und denkt im Zweifel nicht lang; dem Senat sind die Studenten recht schnuppe, da wird durchgedrückt, was das Rektorat will; und Minister und Bund sind uns gegenüber offen feindlich eingestellt. Dass trotzdem jeden Tag die Fachschaftler und der AStA Großes leisten und das Schlimmste abwenden, beeindruckt mich jeden Tag wieder. Aber zu hoffen, dass die nächsten Jahre nicht so katastrophal für die deutschen Studierenden ausfallen wie die letzten, wage ich nicht.

31. März 2008

Arme Irre am Tarifverhandeln

Abgelegt unter: PolitikSteve um 10:05

Also mal ehrlich: Beide Seiten haben sich mit der Arbeitszeitverlängerung im öffentlichen Dienst keinen Gefallen getan.

Man bedenke dazu: Wir sprechen über den öffentlichen Dienst. Den Bereich mit der ganzen Verwaltung. Verwaltung, das ist die Informationsverarbeitung des 20. Jahrhunderts, und so, wie es aussieht, haben wir im im 21. Jahrhundert Computer und Datenbanken für den Job. Niemand braucht mehr Verwaltungsfritzen im Rathaus, wenn man einfach seine neue Adresse online eintippt.

Verwaltungsfritzen sind jetzt schon überflüssig und zu viele. Und was machen Bund, Länder und Kommunen? Binden sich längere Arbeitszeiten dieser Leute auf die Nase. Jetzt sitzen unsere Sekretäre Freitags ein oder zwei Stunden länger rum, haben nichts zu tun und denken sich in ihrer Langeweile neue Formulare aus. Dankeschön!

Ich verstehe manchmal nicht, wieso ein Tarifvertrag nicht so aussehen kann:

  1. Die Beschäftigten des ÖD bekommen pro Stunde 4% mehr Lohn.
  2. Sie werden für mindestens 35 Stunden in der Woche bezahlt.
  3. Bis zu 42 Stunden werden zu Tariflohn geleistet.

27. März 2008

Subprime-Unternehmen: Fordern und fördern

Abgelegt unter: PolitikSteve um 14:12

Viele diskutieren ja derzeit, ob der Staat den Banken, die sich mit den faulen Hypotheken in die aktuelle Krise geritten haben, mit dicken Finanzspritzen aus der Misere helfen soll. Die Befürworter sagen: "Klar, nur los, sonst kommt die Wirtschaft in arge Schwierigkeiten." Und die Gegner sehen nicht ein, dass wir alle zahlen sollen, weil die Bankmanager in ihrer Gier zu hohe Risiken eingegangen sind.

Natürlich haben beide Seiten Recht. Wir können es uns nicht leisten, die Wirtschaft jetzt gegen die Wand fahren zu lassen, so wie es eigentlich nötig wäre, denn das würde allen schaden. Wir können aber auch nicht einfach die Kosten dieses Crashes der Allgemeinheit aufbürden, denn das ermutigt die Spekulanten nur noch mehr.

Deswegen sollten wir auf die Parole zurückgreifen, den wir für andere Staatsalmosen ausgegeben haben: Wir fördern die Banken, aber wir fordern auch Umstrukturierungen. Und Umstrukturierungen heißt nicht, ein paar Köpfe rollen zu lassen oder Abteilungen neu zuzuordnen, nein, so einfach läuft das nicht, denn das täte den Eignern und Managern nicht weh. Wenn eine Bank Geld vom Staat will, dann muss sie sich zumindest teilweise sozialisieren, dann muss sie ihren Angestellten und ihrer Kommune einen Teil ihrer Anteile überschreiben.

Der Staat lässt keinen hängen, aber wir sind keine Samariter.

6. März 2008

Zum auf der Zunge zergehen lassen

Abgelegt unter: PolitikSteve um 01:20
Alle grundrechtlich geschützten Bereiche enden irgendwo. Wo diese Grenzen sind [...] ist Sache des Gesetzgebers.

Lasst euch diese, nicht unnötig aus dem Zusammenhang gerissene Aussage unseres Innenministers ganz langsam auf der Zunge zergehen. Unser Innenminister leistet einen Eid auf das Grundgesetz und bricht dann so offen mit Artikel 1, der ganz bewusst nicht einfach irgendwo endet.

Der Mann stünde wohl unter Beobachtung des Verfassungsschutzes, wäre er nicht dessen Chef.

Vom gedeckten und ungedeckten sozialen Scheck

Abgelegt unter: PolitikSteve um 01:15

Es gibt da etwas, das wundert mich schon lange: Was treibt die Herrschenden in unserer Gesellschaft eigentlich dazu, einen solchen Wust an Gesetzen aufzustellen? Woher kommt das: Die berühmte deutsche Regelungswut, die aber gar nicht spezifisch deutsch ist?

Für die Antwort möchte ich mal kurz in die Psychologie ausholen: Zum Selbstwertgefühl. Das Gefühl, das mir sagt: „Ja, ich bin gut! Fähig! Stark! Erfahren!” So zweischneidig dieses Gefühl auch oft sein mag – ist es doch das Fundament der Arroganz – ist es doch die Grundlage allen Handelns und allen Führens. Alle starken und guten Gefühle können nicht existieren ohne ein starkes Selbstwertgefühl.

Dieses Selbstwertgefühl hat, einer weitverbreiteten Ansicht folgend, vier Quellen: Das Sein, das Können, das Tun und das Haben. Das Haben ist trivial, der Mercedes sein Beispiel. Das Tun ist unserer Nicht-Mehr-Arbeitsgesellschaft nur allzu bekannt: Aus Arbeit ziehe ich Selbstwert, als Arbeitsloser verliere ich dieses Gefühl der Nützlichkeit. Die beiden anderen Quellen sind dagegen weniger offensichtlich. Da ist auf der einen Seite das Können. Ich, Steve, kenne meine Fähigkeiten. Die Werke, die ich mit meinem Arm vollbracht habe, haben mich gelehrt, was ich bewegen kann, und das nenne ich meine Kraft. Die mag nicht groß sein, aber sie ist da, und ich kenne sie. Die Gedanken, die ich mit meinem Geist erdacht habe, haben mich gelernt, was ich verstehen und erdenken kann, und das nenne ich meine Intelligenz. Diese und viele andere meiner Eigenschaften bilden zusammen den Teil des Selbstwertgefühls, den ich aus dem Können ziehe. Das Selbstwertgefühl des Seins dagegen stammt aus tieferen Quellen: Ich bin ein Mensch, ein Mann, ethisch, Atheist und vieles mehr. Und ja, auch Deutscher. All das können Quellen des Selbstwertgefühls sein.

Nun, schauen wir uns in diesem Lichte den typischen Politiker doch mal an. Was hat er? Nichts, was einem die Wogen des Schicksals nicht schnell nehmen könnten. Keine riesigen Reichtümer, keine Armee. Also kaum Selbstbewusstsein aus dem Haben heraus. Was tut er? Nichts, was nicht jeder andere auch tun könnte. Mit 600 anderen im Bunde ein paar Gesetze verabschieden. Was kann er? Wohl nicht viel, denn der Durchschnittspolitiker hat sein Studium im StuPa gefristet und ist noch vor dem Abschluss gleich mal ins Parlament gegangen und hat sich seitdem dort mit dem ewig gleichen Trott beschäftigt. Was ist er? Nun, Bundeskanzlerin – aber das kann sich schnell ändern, da kann man kein Selbstwertgefühl aufbauen. Ja, zu Zeiten der Könige wäre das anders gewesen, aber diese Zeiten sind ja zum Glück vorbei. Der heutige Politiker ist nicht mehr als sein Amt und vielleicht ein ganz netter Mensch.

Der Status eines Menschen in der Gesellschaft muss durch sein Selbstwertgefühl gedeckt sein. Wer sich nicht zutraut, zu studieren, fällt schnell im Stoff zurück und muss aufgeben; wer sich nicht zutraut, Steine stabil aufeinander zu schichten, wird als Maurer zögerlich arbeiten und wirken und seine Arbeit schnell los sein. Um es knapp auszudrücken: Unser sozialer Scheck ist gedeckt.

Doch, was hat so eine Spitzenkraft für eine Rolle auszufüllen? Wenn die Presse die Bundeskanzlerin abwatschen will, wird sie zum Messias degradiert. Wir haben aber im vorletzten Absatz schon gesehen: Der Politiker an sich hat ebenso kleine, wenn nicht kleinere, Quellen des Selbstwertgefühls zur Verfügung wie jeder von uns. Was aber passiert, wenn ein Mensch sich mit einer Konfrontation ausgesetzt sieht, die er nicht glaubt, erfüllen zu können? Wenn also sein Selbstwertgefühl nicht ausreicht? Wenn der Scheck der Erwartung nicht gedeckt ist? Er kriegt Angst. Und Angst zieht die ganze Palette an verachtenswerten Eigenschaften nach sich: Panisches Festhalten an Erreichtem, Absicherung um jeden Preis, Buckeln nach oben, Treten nach unten und vor allem Konservativismus. Das alles konnten wir im Bürgertum des letzten Jahrhunderts hinreichend beobachten, und das alles zeigt unsere politische und wirtschaftliche Elite. Und aus dieser Angst entsteht die Generalabwehr, die wir tagtäglich als Paragraphenwald erleben: Eine dichte Mauer aus Nonsens, die der Ängstliche vor sich aufbaut, um sich vor allen zu schützen, ganz besonders vor denen, die nicht ängstlich sein zu brauchen.

Das ist die Lehre aus dieser kleinen Untersuchung: Unsere Herrschenden haben Angst. Wie Schafe. Und wer auch nur ein Mal einen Wolf in einer Herde Schafe gesehen hat – man bedenke, ein einziges Tier unter vielen! – weiß, wie man den Ängstlichen trotz haushoher Unterlegenheit erfolgreich bekämpft: Mit Mut. Ein Volk, seines eigenen Wertes eingedenk, treibt die Herde der Politiker vor sich her.

UM-PAR-KEN! UM-PAR-KEN!

Abgelegt unter: PolitikSteve um 01:15

Heute nachmittag war ein Vertreter des Landesherrschers, und zwar der für Innovation und den ganzen Rest, in Bielefeld. Kurzum, Andreas Pinkwart, der alte Insolvenzexperte, guckte sich mal an, was seine Untertanen so geschaffen hatten, vor allem den neuen Trakt der Uni Bielefeld. Der sich übrigens wegen seiner revolutionär guten Abriegelbarkeit ganz hervorragend für diesen Besuch zu eignen schien. Diese Eigenschaft des Baus musste der Sicherheitsdienst Pinkwarts dann selbstverständlich nutzen, um Studierende und Mitarbeiter, selig vereint, in die sprichwörtliche Traufe vor die Tür zu verbannen.

Und so spielte sich vor dem Ministerium die folgende Szene ab: Studierende, vor dem Regensturm Schutz suchend, in den Eingang gekauert und ihre Transparente umklammernd, unwillens, dieses Dreckstück von einem Minister ohne symbolischen Protest vorbeizulassen; ein paar DGBler daneben, die sich sichtbar absetzten, unwillens, das Dreckstück von einem Minister ohne symbolischen Protest vorbeizulassen; ein paar Polizisten, die man sicherheitshalber in Montur in die Winterkälte geschickt hate, damit das Dreckstück von Minister auf gar keinen Fall warten müsse. Ach ja, und verschiedene Sicherheitsdienste natürlich, damit das Dreckstück von Minister nicht etwa selbst in die Richtung derer, um deren Schicksale er würfelt, schauen muss, um sich vor fliegenden Eiern zu schützen. Eine Abordnung der Kunst-und-Musik, die dem Dreckstück von Minister zeigen wollte, wessen Fachbereich wegen seiner dicht gemacht wird. Ach ja, und eine Menge Vertreter der Uni, die da waren, um dem Dreckstück von Minister in den Hintern zu kriechen, damit mit ihnen nicht das Gleiche gemacht wird.

Und dann kommt schnell der Minister. Husch, vier sündhaft teure Wagen fahren vor – husch, eine Abteilung Schränke und Diener steigt aus und geleitet den Herrn ins Haus, die Studierenden rüde aus dem Weg stoßend. Sicherheitshalber noch mal einen halben Meter nachstoßend, und ich stand direkt daran, ich hab's gemerkt. Weil der hohe Herr ja keinesfalls innerhalb von zwei Metern um ihn herum das Pack ertragen kann.

Ich hatte ja gedacht, die Praxis der Liktoren (der römischen Soldaten, deren einzige Aufgabe es war, einem hochrangigen Beamten voranzugehen und sein Ego durch Vorzeigen von Rütenbündeln zu stützen) sei seit dem Ende des römischen Imperiums abgeschafft. Wäre heute gar nicht mehr nötig, wir wären ja eine friedliche und demokratische Gesellschaft. Phah. Dieses Dreckstück von Minister verballert jedenfalls bei einem einzigen, alltäglichen Auftritt genug Manpower und protzt mit solchen Luxuskarossen, dass ein absolutistischer Provinzfürst zufrieden gewesen wäre. Volksdiener. Dass ich nicht lache. Wenn solche Menschen Diener sind, dann muss für die Ankunft der Herren eine ganze Stadt evakuiert werden.

Ich würde ja dagegen nichts einwenden. Aber das Geld, das täglich in Nachtschichten von meinen Mitbewohnern erarbeitet wird, um die Studiengebühren zu erbringen, stopft Löcher, die dieses Dreckstück mit seinem Luxusbedürfnis und seiner Wichtigtuerei reißt. Das gleiche Geld, das das ganze Land zusammenlegt, um Bildung zu finanzieren, das versickert hier.

Aber c'est la vie, schließlich haben wir ja gewählt und konnten damit ein Kreuz neben einer Gruppe von Menschen ankreuzen, die wir nicht kennen, die aber dafür die Menschen auf Listenplätze setzen durften, die wir nicht kennen, die dann einen Menschen als Ministerpräsident wählten, der dann dieses Dreckstück einsetzte. Wir hatten ja alles in der Hand und werden es bald wieder als Souverän vollständig in der Hand haben. Demokratie ist toll, nicht?

P.S.: Nicht, dass sich die Studierenden mit Ruhm bekleckert hätten. Da „Bildung für alle, und zwar umsonst” als Slogan nicht konsensfähig war, war unser Schlachtruf UM-PAR-KEN!, denn die Polizei parkte alle Behindertenparkplätze zu.

Die Masse ist dumm

Abgelegt unter: Politik, — Steve um 01:15

Jeder kennt doch die Aussage: Einzelne Menschen sind klug, Gruppen von Menschen sind dumm. Durch irgendeine Eigenschaft würden Menschen bei der Formung einer Gruppe ihr Hirn am Eingang abgeben und zu willenlosen Tieren. Und wenn sie doch denken, dann wird das entweder als grandiose Ausnahme deklariert oder einfach die Gruppe zur Ansammlung umdeklariert.

Solche Sätze kommen ja meistens von Individuen, die Gruppen gegenüberstehen oder zu fürchten haben. Abgeordnete gegen Volk, Lehrer gegen Schüler, Besitzende gegen Nichtbesitzende oder Philosophen gegen Pragmatiker sind Beispiele, die jeder kennt. Immer steht der Gedanke des Einzelnen gegen die Gedanken der vielen; immer fragt man sich: Wenn der Einzelne denn diese Idee haben konnte – wieso konnte sie denn keiner der vielen haben? Ist es vielleicht, weil der intelligente Mensch a priori allein ist, sozusagen die Einsamkeit der Spitze? Aber was passiert denn dann, wenn diese Spitzenmenschen eine Gruppe bilden? Hören sie auf magische Weise auf, Spitze zu sein?

Natürlich verhalten sich Menschen in Gruppen etwas anders, als sie sich alleine verhalten. Gruppenmitglieder sind mutiger nach außen und feiger, wenn es darum geht, sich gegen ihre Gruppe zu stellen. Menschen sind nun mal auch Tiere. Manche lassen sich auch fallen in die Sicherheit der Gruppe. Aber beeinflussen all diese Eigenschaften denn die Intelligenz der Gesamtgruppe? Die, die vorher in der Lage waren, zu denken, werden es doch immer noch können und sich nicht von ein bisschen Euphorie abhalten lassen. Diese Entschuldigung, liebe Braunhemdler, ist dann doch etwas zu einfach.

Der Eindruck, dass Gruppen dumm seien, ist natürlich nicht von der Hand zu weisen – doch vielmehr stammt er daher, dass der Weg eines Indivduums von der Einsicht zum Gedanken ein ganz anderer ist. Wie ein einzelner Mensch seine Entscheidungen trifft, weiß so recht keiner – doch wie viel weniger wissen wir über Gruppendynamik? Und schlimmer noch, was wissen wir denn darüber, wie eine Gruppe fundiert Entscheidungen treffen kann? Doch so gut wie nichts. Was ist es da ein Wunder, wenn die Ergebnisse einer Gruppenhandlung nicht allzu toll sind? Das mag im Ergebnis gleich klingen – größere Gruppen von Menschen wären effektiv nicht zu intelligenten Leistungen fähig – aber die Implikation ist diametral anders:

Gruppen mögen dumm aussehen, aber das liegt nur an unserer schlechten Technik. Sie besser zu machen, ist mit ein bisschen Erfahrung in Demokratie einfach zu machen — gebt ihr nur eine Chance.

Ist das Volk zu dumm für eine Demokratie?

Abgelegt unter: , PolitikSteve um 01:15

Das Volk ist zu groß und die Probleme sind zu komplex.

Richard von Weizsäcker sagte obigen Satz einst zum Thema der direkten Demokratie, und er ist inzwischen die Standardantwort der CDU (zur Erinnerung: die regierende Partei!) auf alle Anfragen, die auch nur entfernt mit direkter Demokratie zusammenhängen. Mal kurz paraphrasiert: Das Staatsvolk ist nach der Einschätzung eines ehemaligen Bundespräsidenten nicht in der Lage, eine Entscheidung zu fällen, weil es das Problem nicht versteht ('zu komplex') und weil es nicht miteinander kommunizieren kann ('zu groß').

Das lasse man sich mal ganz langsam auf der Zunge zergehen und stelle sich einen Menschen vor, der einem folgenden Sachverhalt weismachen will: Man sei zwar nicht in der Lage, zu entscheiden, ob man lieber Menü I oder Menü II in der Mensa wolle; und man sei auch nicht in der Lage, sich Schälchen mit Beilage und Nachtisch aus einer Auswahl auszusuchen. Aber selbstverständlich sei man in der Lage und weise genug, aus fünf Männern, die man alle nur aus ihren Bewerbungsunterlagen und großmundigen Versprechungen kennt, einen auszuwählen, der einem in den nächsten vier Jahren das Essen bestimmt. Das geht, kein Problem. Das ist ja schließlich keine Sach-, sondern eine Personalentscheidung, die sei ja so viel leichter und weniger komplex, und schließlich kann man Fehler in Sachentscheidungen nie wieder ausbügeln, während das bei Personalwahlen ganz einfach schon nach vier Jahren geht.

UNSINN!

Unsinn, würden wir einem Menschen einfach antworten, der uns so etwas vorschlüge. Im besten Falle, natürlich – viel wahrscheinlicher ist es, dass man ihn gleich des Beschisses beschuldigen würde. Die einzige rationale Erklärung wäre, dass er einen dieser fünf Männer gern in eine einflussreiche Position schaffen möchte.

So, und jetzt erkläre mir mal jemand, worin die Analogie zu unserem politischen System hinkt. Es ist ja gut und schön, dass wir eine Volksvertretung haben, die die kleinen, alltäglichen Probleme wie EU-Richtline 08/15 über die Normung der Schraubgewindedrehrichtung in deutsches Recht umsetzt. Und wir haben alle auch noch was besseres zu tun, als jeden Tag über irgendeinen Mist abzustimmen. Und ja, nicht jeder von uns weiß über alle Politikgebiete Bescheid. Aber seit wann lässt sich ein König sagen, dass er Entscheidungen, weil sie unbequem sind, weil er sie vielleicht falsch treffen könnte, weil sie ihn Zeit kosten, lieber nicht treffen sollte? Seit wann haben Statthalter das Recht, einem Souverän zu sagen, die Probleme der Welt seien zu komplex für ihn?

Die Worte Richard von Weizsäckers hätten genau so auch aus dem Munde Grima Schlangenzunges kommen können. Das sind nicht die Worte eines Volksdieners – jedenfalls keines, der seinem Volk ehrlich dient. Kein Mensch der Welt kann so schizophren sein, auf der einen Seite zu glauben, das Volk könne gute Volksvertreter wählen, und auf der anderen Seite ihm die Fähigkeit absprechen, über die Sache selbst zu entscheiden.

Und doch sagt Weizsäcker so was. Was erfahren wir daraus über ihn und die Menschen, die ihn kennen und trotzdem ins höchste Staatsamt hieven? Wohl hauptsächlich über ihre Geisteshaltung. Denen bekommt die Höhenluft eindeutig nicht gut und sie vergessen die Ebene, die Welt, in der die Menschen leben, für die sie eigentlich mal Gesetze ausarbeiten sollten – und die sie jetzt regieren wie einst die Könige ihre Untertanen. Oder wurdet ihr zu den wichtigen Themen, die in den letzten Jahren aufgeworfen, auch nur ein Mal offiziell gefragt? Egal, ob ihr in einer Partei organisiert seid oder nicht?

Die Nerven knistern. Wenn wir das doch hätten,
was uns, weil es nicht da ist, leise quält.
Du präparierst dir im Gedankengange
das, was du willst – und nachher kriegst das nie …
Man möchte immer eine große Lange,
und dann bekommt man eine kleine Dicke -
C'est la vie —!

Wir dachten unter kaiserlichem Zwange
an eine Republik … und nun ists die!
Man möchte immer eine große Lange,
und dann bekommt man eine kleine Dicke –
Ssälawih —!

Dein Freund und Helfer

Abgelegt unter: PolitikSteve um 01:15

Deutschland, im Jahre 2006: Weil Gerüchte verlauten liessen, der Herr Lindner habe sich negativ über den Papst geäußert, wird er zum Hauptverdächtigen im Fall eines Farbbeutelwurfs auf das Geburtshaus des Papstes. Das Sondereinsatzkommando rückt mit 15 Mann und Maschinenpistolen an, um die Sache zu untersuchen."

Das ist lange nicht der einzige Fall dieser Unverhältnismäßigkeit. Mir ist es ja immer unangenehm, wenn jemand die Polizei einfach nur als Staatsschutz bezeichnet und die harte Arbeit der Leute missachtet, die jeden Tag das öffentliche Leben am Laufen halten und teilweise auf Demonstrationen Großes in der Deeskalation leisten. Unabhängig davon, dass einige derer Kollegen regelmäßig Studenten einkesselten und brutal zusammenschlugen oder einfach nur mit Blitzen Wegelagerei betrieben, während ein paar Meter weiter echte Menschen echten Gefahren ausgesetzt wurden – ich konnte echt lange vertreten, dass das einfach nur Späne waren, die bei so einem großen Hobel abfallen.

Aber das? Der Fall Lindner ist ja kein Einzelfall, jeden Monat stürmen unsere SEKs völlig ungerechtfertigt und ohne Rücksicht irgendein Haus. Jedem von uns kann es passieren, dass vier Uhr morgens die Sturmtruppen die Tür eintreten, und dann bleibt nur noch stillhalten, hoffen und beten, dass keiner der Möchtegernrambos einen nervösen Zeigefinger hat, denn sonst gibts Tote.

Solches Verhalten kommt nicht etwa von einer schlechten Ausbildung der SEKs her. Das ist ganz normal und gewollt – die sollen weder Mitleid noch Vernunft zeigen, das sind Kampfmaschinen. Die sollen Türen eintreten, denn Terroristen könnten die Klinke vermint haben, und die sollen dich so schnell wie möglich kampfunfähig machen, denn du könntest einer von "ihnen" sein. Aber so ein Verhalten richtet sich auch gegen normale Menschen, denn dadurch, dass die SEKs einmal geschaffen wurden, stehen sie auf der Lohnliste und werden auch eingesetzt.

Daraus kann nur eins folgen: Will die Polizei einen Rest Ansehen und Glaubwürdigkeit bewahren, müssen die SEKs weg. So schnell wie möglich.

Ökologische Geldanlagen?

Abgelegt unter: PolitikSteve um 01:15

Manchmal verwundert mich die Naivität der Grünengeneration – dieses Typus Mensch, der aus der gemäßigt alternativen Szene kommt, die Umwelt schützen, aber dabei bloss nicht die eigenen Pfründe angreifen will – enorm. So wie gestern, als ich in einer Beilage der Zeit zufällig mal wieder von ökologisch und ethisch korrekten Anlagen als dem Königsweg zu einer sauberen Volkswirtschaft las.

Ich fasse das Konzept mal kurz zusammen: Es ist ja allgemein bekannt, dass erfolgreiche Firmen sich einen Scheiß um Ethik scheren. Menschenrechte, Allmenden wie Umwelt und Rohstoffe, das Wohl der Angestellten oder die Demokratie sind ihnen einfach egal. Der Konzern an sich ist genau einem Herrn verpflichtet: Seinem Aktionär. Manche Geschäftsführer mögen das aus persönlichem Pflichtgefühl heraus anders sehen, doch diese werden wegen mangelnder Gewinne natürlich blitzschnell rausgeworfen.

Wer nun am Konzept Konzern festhalten will, aber gleichzeitig sein Gewissen beruhigen möchte, dem bleibt nur eines: Selbst der Aktionär werden. Und genau diesen Weg gehen die ökologischen Fonds: sie investieren für ihre Anleger in Unternehmen, die in ihrer jeweiligen Branche am ökologischsten/ethischsten/fairsten arbeiten.

Klingt ja erstmal nach einem tollen Konzept; man hat mit geringem wirtschaftlichem Umstellungsaufwand (und damit geringer Gefahr für die eigene gesellschaftliche Dominanz) was für sein altes 68er-Gewissen getan. Ist aber natürlich, wie die meisten Patentrezepte, Nonsens. Warum?

Weil böse Firmen nun mal nicht aus Jux und Dollerei böse Firmen sind. Kinder werden deswegen in Minen gesteckt, weil das billiger ist und geringe Kosten der Königsweg zum Profit sind. Und was heißt viel Profit? Viel Gewinn für die Anleger. Und was heißt viel Gewinn für die Anleger? Dass diese Anleger morgen auf dem Kapitalmarkt mehr zu sagen haben werden. Wer Kinder in die Minen schickt, kann mit seinem verdienten Geld bald noch viel mehr Kinderminen aufmachen und wird, über kurz oder lang, sich gegen seine ethisch gehinderten Konkurrenten durchsetzen.

Und genau das gleiche Prinzip gilt auf dem Kapitalmarkt eben: Wer heute sein Kapital meistgewinnend anlegt, hat morgen mehr davon. Und da ökologische Anlagen zwangsläufig weniger Rendite bringen als andere (sonst hätten ja auch klassische Fonds darein investiert), werden die Ökoanlagen langfristig an den Rand gedrängt und haben am Ende nichts gebracht. Selbst dann, wenn viele von uns ökologisch anlegen – der, der es nicht tut, wird sich durch seine Gewinne zu einem Mogul hochschwingen, der uns alle beherrscht. Das ist Marktwirtschaft – wer mehr Geld hat oder macht, gewinnt. Das ist oft erwünscht, wo es aber nicht erwünscht ist, lässt es sich auch mit noch so tollen Strategien nicht lenken, denn:

Wo der Markt mitspielen darf, gewinnt er.

Valid XHTML Strict 1.0 Valid Atom Design by Northern Web Coders