Es gibt da etwas, das wundert mich schon lange: Was treibt die
Herrschenden in unserer Gesellschaft eigentlich dazu, einen solchen
Wust an Gesetzen aufzustellen? Woher kommt das: Die berühmte deutsche
Regelungswut, die aber gar nicht spezifisch deutsch ist?
Für die Antwort möchte ich mal kurz in die Psychologie ausholen:
Zum Selbstwertgefühl. Das Gefühl, das mir sagt: „Ja, ich bin
gut! Fähig! Stark! Erfahren!” So zweischneidig dieses Gefühl
auch oft sein mag – ist es doch das Fundament der Arroganz
– ist es doch die Grundlage allen Handelns und allen Führens.
Alle starken und guten Gefühle können nicht existieren ohne ein
starkes Selbstwertgefühl.
Dieses Selbstwertgefühl hat, einer weitverbreiteten Ansicht folgend,
vier Quellen: Das Sein, das Können, das Tun und das Haben. Das Haben
ist trivial, der Mercedes sein Beispiel. Das Tun ist unserer
Nicht-Mehr-Arbeitsgesellschaft nur allzu bekannt: Aus Arbeit ziehe
ich Selbstwert, als Arbeitsloser verliere ich dieses Gefühl der
Nützlichkeit. Die beiden anderen Quellen sind dagegen weniger
offensichtlich. Da ist auf der einen Seite das Können. Ich, Steve,
kenne meine Fähigkeiten. Die Werke, die ich mit meinem
Arm vollbracht habe, haben mich gelehrt, was ich bewegen kann, und
das nenne ich meine Kraft. Die mag nicht groß sein, aber sie ist da,
und ich kenne sie. Die Gedanken, die ich mit meinem Geist erdacht
habe, haben mich gelernt, was ich verstehen und erdenken kann, und
das nenne ich meine Intelligenz. Diese und viele andere meiner
Eigenschaften bilden zusammen den Teil des Selbstwertgefühls, den ich
aus dem Können ziehe. Das Selbstwertgefühl des Seins dagegen stammt
aus tieferen Quellen: Ich bin ein Mensch, ein Mann, ethisch, Atheist
und vieles mehr. Und ja, auch Deutscher. All das können Quellen des
Selbstwertgefühls sein.
Nun, schauen wir uns in diesem Lichte den typischen Politiker doch
mal an. Was hat er? Nichts, was einem die Wogen des Schicksals nicht
schnell nehmen könnten. Keine riesigen Reichtümer, keine Armee. Also
kaum Selbstbewusstsein aus dem Haben heraus. Was tut er? Nichts, was
nicht jeder andere auch tun könnte. Mit 600 anderen im Bunde ein paar
Gesetze verabschieden. Was kann er? Wohl nicht viel, denn der
Durchschnittspolitiker hat sein Studium im StuPa gefristet und ist
noch vor dem Abschluss gleich mal ins Parlament gegangen und hat sich
seitdem dort mit dem ewig gleichen Trott beschäftigt. Was ist er?
Nun, Bundeskanzlerin – aber das kann sich schnell ändern, da kann
man kein Selbstwertgefühl aufbauen. Ja, zu Zeiten der Könige wäre das
anders gewesen, aber diese Zeiten sind ja zum Glück vorbei. Der heutige
Politiker ist nicht mehr als sein Amt und vielleicht ein ganz netter
Mensch.
Der Status eines Menschen in der Gesellschaft muss durch sein
Selbstwertgefühl gedeckt sein. Wer sich nicht zutraut, zu studieren,
fällt schnell im Stoff zurück und muss aufgeben; wer sich nicht
zutraut, Steine stabil aufeinander zu schichten, wird als Maurer
zögerlich arbeiten und wirken und seine Arbeit schnell los sein.
Um es knapp auszudrücken: Unser sozialer Scheck ist gedeckt.
Doch, was hat so eine Spitzenkraft für eine Rolle auszufüllen? Wenn
die Presse die Bundeskanzlerin abwatschen will, wird sie zum Messias
degradiert. Wir haben aber im vorletzten Absatz schon gesehen: Der
Politiker an sich hat ebenso kleine, wenn nicht kleinere, Quellen des
Selbstwertgefühls zur Verfügung wie jeder von uns. Was aber passiert,
wenn ein Mensch sich mit einer Konfrontation ausgesetzt sieht, die er
nicht glaubt, erfüllen zu können? Wenn also sein Selbstwertgefühl
nicht ausreicht? Wenn der Scheck der Erwartung nicht gedeckt ist?
Er kriegt Angst. Und Angst
zieht die ganze Palette an verachtenswerten Eigenschaften nach sich:
Panisches Festhalten an Erreichtem, Absicherung um jeden Preis,
Buckeln nach oben, Treten nach unten und vor allem Konservativismus.
Das alles konnten wir im Bürgertum des letzten Jahrhunderts hinreichend
beobachten, und das alles zeigt unsere politische und wirtschaftliche
Elite. Und aus dieser Angst entsteht die Generalabwehr, die wir
tagtäglich als Paragraphenwald erleben: Eine dichte Mauer aus Nonsens,
die der Ängstliche vor sich aufbaut, um sich vor allen zu schützen,
ganz besonders vor denen, die nicht ängstlich sein zu brauchen.
Das ist die Lehre aus dieser kleinen Untersuchung: Unsere
Herrschenden haben Angst. Wie Schafe. Und wer auch nur ein Mal
einen Wolf in einer Herde Schafe gesehen hat – man bedenke,
ein einziges Tier unter vielen! – weiß, wie man den Ängstlichen
trotz haushoher Unterlegenheit erfolgreich bekämpft: Mit Mut.
Ein Volk, seines eigenen Wertes eingedenk, treibt die Herde der
Politiker vor sich her.