Interrail-Tagebuch: Ostmessinien, 10. August
Ich sitze in einem Hochgebirgscafé am Pass zwischen Messinien und Lakonien, im Südwesten des Peleponnes. Gestern habe ich am letzten Gültigkeitstag des Tickets Olympia besichtigt, bekannt als der Ursprungsort der olympischen Spiele und der Platz, an dem 1000 Jahre lang eines der sieben Weltwunder stand: Die Zeusstatue des Phidias.
Die Weltwunder haben ja einen ewigen Klang, auch wenn es heute nur noch Steinhaufen sind. Ich kann mich leider nur noch dunkel des ersten Weltwunders entsinnen, das ich sah: Des Artemistempels zu Ephesos. Die Pyramiden sind dagegen noch klar, das ist erst zwei Jahre her (mein Gott, "erst" zwei Jahre), aber ich schätze, die Zeusstatue hätte mir besser gefallen -- allein, weil sie nicht ganz so prollig rüberkam. Angesichts der Ausmaße der Pyramiden ist das, zugegeben, natürlich nicht schwer, denn einen Steinblock von 6.250.000.000 Kilogramm Gewicht in die Landschaft zu stellen ist wohl das Non-Plus-Ultra des Schwanzvergleiches.
Ich bin für heute auf dem Weg nach Sparta. Habe mich vom Zug nach Kalamata bringen lassen und auf einer Mole die Nacht verbracht. (Hervorragende Stille, der Weg dorthin ist so glitschig, dass ihn des Nachts kein Besoffener schafft.), bin mit dem Bus ins kleine Dorf Artemisia hoch und anschließend zu Fuß die Berge hoch.
Sitze jetzt bei der ersten Raststätte, geschätzte 600 Höhenmeter weiter, und genieße meinen wohlverdienten Tee; werde den bisher hart erkämpften 10 Kilometern bis zum Einbruch der Dunkelheit wohl noch 5-8 hinzufügen, Sparta ist noch 25 entfernt. Ich bin heute nicht selten zur Touristenattraktion geworden und aus den vollen Bussen auf den einsamen Wanderer glotzten. Bis jetzt fühle ich mich außerhalb des Busses trotz vieler Kilometer Steigung und dickem Gepäck pudelwohl. Ironisch, dass ich grade noch einen Text von George Orwell las, der genau dies für unmöglich erklärte, genau dieses Leben mit statt durch Technik – aber vielleicht sollte man mich auf 41 42teln der Reise noch einmal fragen, nicht nach einem Drittel.

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