Pnyxomancer
Medien

8. Januar 2009

Glaubensfrage

Abgelegt unter: MedienSteve um 22:49

Vorgestern hatte ich eine Premiere - nämlich eine Sneak Preview besucht, die es echt wert war. War nämlich im lokalen Multiplex und habe dort den Film Glaubensfrage gesehen. Das Thema hört sich im ersten Moment echt abgedroschen an: Eine Nonne verdächtigt im Amerika der 60er einen Priester, den ersten schwarzen Schüler der Klosterschule sexuell missbraucht zu haben.

Doch der Film begeistert: In Abwesenheit von Beweisen (auch gegenüber dem Publikum) geht die ebenso strenge wie motivierte Nonne und Dekanin ihrem Instinkt nach und versucht, den vermeintlichen Fall aufzudecken, während der Priester mit Rücksicht auf die schwierige Situation des Jungen jede Öffentlichkeit vermeiden will. Die sich entwickelnde Handlung ist fesselnd, hochkarätig gespielt und einfach relevant sowohl im ewigen Spannungsfeld der Postmoderne zwischen Tradition, Ordnung und Menschlichkeit als auch in der uralten Frage nach Vertrauen und Kontrollierbarkeit. Am 9. Februar kommt der Film in die Kinos, und ich spreche eine ganz große Empfehlung aus.

10. Juli 2008

Ein Betonklotz in der Nacht

Abgelegt unter: MedienSteve um 22:43

Jeder, der behauptet, die Uni Bielefeld sei häßlich, der hat noch nicht das Schauspiel beobachten dürfen, wie sich diese Burg der Wissenschaft einem Gewitter in den Weg stellt. Hat nicht beobachten dürfen, wie sich die sonst so grauen Türme matt leuchtend gegen den pechschwarzen Himmel abheben, in und zwischen ihnen die gleißenden Bänder der Treppenhäuser und Gänge.

Nur schade, dass ich sowas mit einem Fotoapparat unmöglich einfangen kann und alle, die es könnten, zu solchen Zeiten nicht da sind.

27. Juni 2008

Isaac Asimov: Reason

Abgelegt unter: MedienSteve um 17:49

Habe gerade in einem Science-Fiction-Sammelband von Diogenes – einem immer wieder durch einfach gute Bücher bestechenden Verlag – Asimovs Kurzgeschichte Reason gelesen. 30 Seiten, die sich wirklich lohnen, insbesondere, weil Asimov sein scharfes Auge nicht (nur) auf Robotik richtet, sondern vor allem auf das Verhältnis von Religion und Wissenschaft.

29. Mai 2008

Indiana Jones: The next generation

Abgelegt unter: MedienSteve um 10:17

Gestern habe ich mich mit einigen Studienanfängern ins Kino verirrt, um den neuen und wohl letzten Indiana Jones zu schauen.

Ich kann euch gleich sagen: Dieser Film ist definitiv obere Mittelklasse. Er kommt nicht an den dritten Teil heran, schlägt sich aber mit Bravour mit anderen aktuellen Actionfilmen. Die Kernschauspieler sind bis auf einen[1] sehr glaubwürdig und einfach passend – Harrison Ford ist und bleibt die Idealbesetzung für Indy –, die Story ist gut, Drehbuch und Synchronisation auch.

Was zu einem Film der Oberklasse fehlte und was das Filmerlebnis einfach getrübt hat, war eine gut geführte Schere. Ja, einfach ein Mensch, der an den richtigen Stellen sagt: „Das brauchen wir hier nicht.” Der den Mumm hat, eine Szene einfach nicht mit in den Film zu nehmen, wenn sie nicht wichtig und nicht toll ist. Solche Menschen fehlen im heutigen Filmgewerbe – vielleicht auch deswegen, weil Szenen dank Computeranimation immer billiger werden.

Beispiel aus dem Indy: Aus irgendeinem Grund lassen sie Indy, der gerade aus dem Expositionsgefecht mit den Russen entkommen ist, in der Atomversuchsstadt aus Plastik in Nevada auflaufen, in der man die Wirkung der Atombombe erforschen wollte. Er überlebt natürlich deswegen, weil er sich in den bleivermantelten Kühlschrank quetscht, der von der Druckwelle einige hundert Meter weit geschleudert wird. Danach wird die Szene nie wieder erwähnt. Sie steht da einfach so, als ein Artefakt ungezügelten Spieltriebs.

Und der Streifen ist voll von solchen Dingen. Schade um einen guten Film.

[1] Spoiler: Indys Sohn.

6. März 2008

Film: Leergut

Abgelegt unter: MedienSteve um 01:15

Gestern feierte das Bielefelder Programmkino Lichtwerk den zweiten Jahrestag seines Umzugs in das neue, große, schöne Gebäude im Ravensberger Park. Eingeladen wurde zu Kaffee und Kuchen, wobei die Gäste letzteren mitbringen sollten.

Man merkt dabei: Das Lichtwerk lernt dazu. Bei der Filmplakatversteigerung im Dezember hatten sie nur den besten Kuchen gekrönt, und da kam fast niemand auf die Idee, was mitzubringen. Diesmal gab es Kinopässe für ein ganzes Jahr, und so war die Bude voller Kuchen. Die Tische bogen sich unter der Last.

Das Lichtwerk zeigte zur Feier des Tages einen der großen Filmhits der letzten Filmfeste in einer Preview vor dem großen Start. Ihr habt es am Titel wohl schon gesehen: Es war die tschechische Komödie "Leergut".

Komödie sei hier in der ursprünglichen Bedeutung gemeint, nämlich als eine Geschichte, die ein gutes Ende nimmt, und nicht als die forciert grotesk-komische Hollywood-Variante. Leergut zeichnet sich durch eben diese Unterscheidung aus: Die Komik, die Tragik, die Epik und die Lyrik liegen in kleinen Details im Alltag des alternden Prager Lehrers Josef, der seinen Job an den Nagel hängt und sich in das Abenteuer einer neuen Lebensfindung stürzt.

Der normal vorbelastete Zuschauer erwartet nun eine Reihe von mit epischer Musik untermalten Szenen, in denen Josef die Konflikte seines Lebens mit dicken Befreiungsschlägen, von denen wir alle träumen, löst und schließlich in den Sonnenuntergang reitet. Denkste. Leergut lässt sich nicht zu solcher Plumpheit hinreissen – nein, klein auf klein geht Josef zu Werk und meistert Stück für Stück sein Leben. Und der Film schaut ihm einfach nur dabei zu, kommentiert ebenso zurückhaltend und erreicht so die Hauptaufgabe des Kinos: Uns eine neue Perspektive auf unser Leben zu geben, statt uns einfach nur die Flucht daraus zu ermöglichen.

Ich möchte den Film jedem nur empfehlen. Der Saal war brechend voll, und doch ging kaum jemand traurig oder ungerührt wieder hinaus.

Terminal

Abgelegt unter: Politik, MedienSteve um 01:15

Gestern hab ich mir endlich die Zeit genommen, Terminal zu schauen. Terminal, das ist ein Film über einen fiktionalen Menschen aus einem fernen Land, der am JFK-Flughafen in New York City landet und dort feststellen muss, dass sein Heimatland sich gerade aufgelöst hat und er deshalb ohne gültige Papiere in der internationalen Zone festsitzt. Der Mann richtet sich im Terminal häuslich ein, findet Freunde und all das, bis zum Happy End. The works, recht gewöhnliche Hollywood-Kost. Insgesamt ein recht netter Film, aber nix überragendes.

Gut umgesetzt wurde der Fokus auf eines der großen Probleme unserer Zeit: Die verselbstständigte Bürokratie. Und in dieser Beziehung haben die Amis ja, trotz allen "war on terrorism", noch Glück. Wir haben nicht nur die EU, ein Amok laufendes Monster von Apparat, deren Kompetenzerweiterung sich nicht mal vom non der Franzosen bei der sogenannten Verfassung aufhalten ließ. Nein, wir haben nicht nur dieses Monstrum, das mit den Entscheidungen von Ministerrunden die Verfassungen seiner Mitgliedsstaaten aushebeln kann. Nein, wir haben ja auch noch solche Kollegen wie unsern lieben Herrn Schäuble. Nein, wir haben ja auch noch Milliardenprojekte wie unsern neuen, tollen Reisepass, auf den mit einem unglaublichen Aufwand digitale Daten gespielt werden, um vielleicht den durchschnittlich einen Fall von Passfälschung zu verhindern, der in Deutschland im Jahr überhaupt auffällt. Andere sind da auch nicht besser dran: In Großbritannien plant Tony Blair jetzt, Panzersperren zu errichten, um Flughäfen vor Autobomben zu schützen. Sowas ist zwar zu heftigsten IRA-Zeiten nicht vorgekommen, aber man kann ja nie wissen. Und man hat den Bürgern ja eh schon ein paar Milliarden Pfund abgenommen, dann soll man die auch einsetzen.

Mir macht dieser neue Staat Angst. Dieser Staat, der Stacheldraht gegen seine Bürger zieht, der Komplettüberwachung des Internets durchzieht, der um vier Uhr morgens in Hartz-IV-Razzien prüft, wer wann mit wem geschlafen hat, der Menschen zum Foltern an die USA übergibt, der seine Geheimdienste zusammenführt und jeder Kontrolle entzieht, der Angriffskriege in der ganzen Welt führt und Gesetze zur weit reichenden Überwachung seiner Bürger morgens vorlegt und nach wenigen Stunden im Gewaltritt durch die Oppositien prügelt.

So einen Staat kann niemand ernsthaft noch Demokratie nennen. Deutschland ist wieder da, wo es in den 20ern war: Formell eine Volksherrschaft, real eine Aristokratie, die die Gesellschaft bis zur Sturmreife kaputtadministriert.

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