Pnyxomancer

23. Januar 2007

Das Super Dimension Fortress

Abgelegt unter: Rechner, — Steve um 23:14

Manchmal macht es einem fast Angst, wie viele Parallelen Literatur zum eigenen Leben aufweist – und vor allem, wie oft fiktionale Literatur das tut. Ihr wisst schon, fiktional, dieses Gegenteil von real.

Vor nicht langer Zeit habe ich, nach vielen Hinweisen aus dem Bekanntenkreis und einem netten Geschenks Maiks, den ersten Teil von Otherland gelesen, einem Post-Cyberpunk-Epos über eine Welt, in der die virtuelle Realität physische Realität geworden ist und ihren Platz in der Gesellschaft erobert.

Einer der Schauplätze dieser Geschichte ist TreeHouse. TreeHouse, das ist ein virtuelles Baumhaus, das Refugium der verlorenen Jungs im Internet: Der Platz im verkommerzialisierten Internet, an dem sich Idealisten treffen und ihr Leben jenseits des Konsums leben können. Ein Platz für Hacker und für Künstler, für Kinder und für Alte, für Denker und für Träumer. Ein Platz, der in die Zukunft weist.

Fast zeitgleich mit dem Lesen des Buches, und hier kommen wir wieder in mein eigenes Leben und die unheimliche Verbindung, habe ich mich um Aufnahme in das Super Dimension Fortress beworben. Was ist das denn? Nun, es ist im Grunde das gleiche wie TreeHouse: Ein sozialer Platz des Internets. Ein Computersystem, auf das sich Menschen aus aller Welt einloggen und mehr aus dem Internet machen als einen etwas interaktiveren Quelle-Katalog.

Auch, wenn es zwei Wochen gedauert hat: Wie ihr an der bloßen Existenz dieser Website seht, bin ich jetzt ein Mitglied im Super Dimension Fortress, und zwar auf Lebenszeit. Das System ist einfach nur zutiefst beeindruckend. Zehn Rechner mit mindestens 3.000 Nutzern, ein eigenes Chat- und Nachrichtensystem[1], und eine Geschichte, bei der einem schwindlig wird. Das Ding ist einfach riesig. Also, ich meine, UNIX hat mich schon lange fasziniert, aber hier sieht man erst, was dieses System leisten kann. 500 Nutzer gleichzeitig eingeloggt – und sie tratschen, quatschen, spielen hunt und netris[2], helfen sich, streiten sich, programmieren gemeinsam oder machen Musik. Und haben so etwas wie eine eigene Stadt erschaffen: Ein Casablanca des Internets.

Ich kann noch gar nicht richtig glauben, dass bild.de und sdf.lonestar.org Teile des gleichen Netzes sind. Was ich aber angesichts solcher Wunder glauben kann, ist, dass in diesem kleinen Werkzeug namens Internet ein Potential steckt, eine Zukunft steckt, die Sprengstoff in sich trägt. Die eine kleine Gesellschaft in sich trägt. Der Buchdruck hat die Kirche umgebracht und den Burgeois and die Spitze der Gesellschaft gespült – ich sage, das Internet, der große Informationsverbreiter, wird den Burgeois wieder wegspülen. Denn der Burgeois als Klasse kontrollierte mit Druckmaschine und Kamera über Jahrhunderte die Informatonsverbreitung, und mit der Herrschaft über die Information kam die Macht, das hat uns Orwell hinreichend vor Augen geführt. Und deshalb nimmt andere Informationsverbreitung die Macht wieder. Information macht Bewusstsein, Bewusstsein schafft Realität, und Kontrolle über Realität ist Macht.

Es ist kein Zufall, dass das Blogging im SDF entstanden ist: Hier werden wir Zukunft erleben. Hoffe ich doch.

[1] Also, wirklich ein eigenes. Nicht ein eigenes IRC, sondern COM, das meines Wissens nur dort existiert.

[2] Spiele, die an anderen Orten wohl nie bekannt geworden sind

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