Pnyxomancer

6. März 2008

Regenwetter

Abgelegt unter: TagebuchSteve um 01:15

Der Mensch ist ein Seil, ge­span­nt zwi­schen Tier und Über­mensch.

Lei­se trommeln die Trop­fen ge­gen mein Fen­s­ter. Nein, ei­gentlich ist es kein Trommeln, dazu ist der Klang nicht dun­kel ge­nug; es ist auch kein Pras­seln, denn dazu ist er nicht entschie­den ge­nug. Vi­e­lleicht kann man das Geräusch ein Nie­seln nen­nen. Doch egal, wie man es nen­nt: Es ist die rich­ti­ge Un­ter­ma­lung für einen Tag wie diesen.

Die Wo­che Re­gen­wetter hat sich tief ins Ge­müt ge­fressen. Ein trüber Himmel trübt den Geist: Will ich pro­grammie­ren, kommt kei­ne sin­nvol­le Zei­le aus den Fin­ge­rn, und ich schmeiße mehr um und schreibe neu, als ich vor­wärts­komme. Will ich ler­nen, star­re ich doch die Hälfte der Zeit sehnsüch­tig auf dem Himmel. Will ich das Rol­len­spiel vorber­ei­ten, kommt kein Wort aus der Fe­der, und ich ver­lie­re mich nur in dämli­chen Ide­en und großen Plä­nen – de­nen aber der ers­te Sch­ritt fehlt. So wie al­lem im Mo­ment. Nur das Bett sie­ht halbwegs ein­la­dend aus. Selbst aus der sonst so treu­en und für ver­re­gne­te Ta­ge ge­ei­gne­ten Mundh­ar­mo­ni­ka kommt kein Ton.

Wo­her kommt das? Wie­so bin ich, ein Ver­tre­ter der herrschen­den Spe­zi­es die­ses Pla­ne­ten, ein hoch­in­te­lli­gen­tes Wesen, von ein paar Trop­fen Was­ser und ein bis­schen Dampf in­ner­lich außer Ge­fecht zu setzen? Beim Anblick der welken Blät­ter, die ein klei­ner Tor­na­do draußen du­rch die Straßen treibt, über­kommt einen nur noch Me­lan­cho­lie, kein Erstau­nen über die Wun­der der Na­tur. Es gibt nur noch Sch­laf, Sch­laf, so viel Sch­laf.

Der Mensch ist eben doch, trotz al­ler In­te­lli­genz, al­ler Träu­men und Hoffnun­gen, al­ler Liebe und al­lem Welt­schmerz, al­ler To­desver­ach­tung und al­lem Idea­lis­mus, trotz al­le­dem, ein Tier. Ein Tier, das we­der sich selbst voll im Griff hat noch sei­ne Umwelt. Ja, ei­ne glo­ba­le Er­wär­mung herbei­füh­ren, das kann der Mensch – doch den verdammten Re­gen un­ter Kontrol­le brin­gen, das ist auf ein­mal zu viel.

Die Uni Bie­le­feld symbo­li­siert dies wun­der­schön. Auf der einen Sei­te ist da die Uni im Son­nen­schein:

Groß ste­ht sie da, mäch­tig und erhaben: In den blau­en Himmel re­cken sich die endlosen Tür­me, dazwi­schen ste­hen breitschult­rig die Bau­tei­le da und bie­ten zwan­zigtausend Men­schen Platz. Größer war auch das World Tra­de Cen­ter nicht, und nicht halb so erhaben. Ei­ne Mei­s­ter­leis­tung ei­ner Ge­se­llschaft, die inzwi­schen un­ter­ge­gan­gen ist.

Und daneben die Uni bei Re­gen, von der es aus gu­tem Grund kein Fo­to im Netz gibt: Un­ter der vi­su­e­llen Last der Wol­ken schei­nen die Tür­me ein Dut­zend Me­ter kür­zer. Nicht mehr stre­cken sie sich stolz in den Himmel; nein, es scheint, als müssten sie zu­sätzlich zur Last der Bau­tei­le nun auch noch den Himmel hal­ten und sei­en der Aufgabe nicht ge­wachsen. Klein scheint die Uni an so ei­nem Tag: Ei­ne dre­cki­ge Höh­le aus müh­se­lig zu­samme­nge­gossenem Be­ton, qua­li­ta­tiv nicht mehr als ein aus­gehöhlter Baumstamm für einen was­ser­scheu­en Affen. Und wahr­schein­lich ist die­ses Bild so­gar das weit prä­zi­se­re als das große, mäch­ti­ge, das sich uns in der gu­ten Stimmung ei­nes son­ni­gen Ta­ges bie­tet.

Zwei Kommentare

  1. Ja, von irgend etwas muss die deutsche Tristess und Miesepetrigkeit doch kommen! Um glücklich zu sein, braucht der mensch nun mal Wärme und Licht. Falls man dem verregtneten Deutschland nicht wenigstens für kurze Zeit entfliehen kann, um Sonne zu tanken, kenne ich einige bewährte Rettungsanker: ein heißes Bad oder besser noch Sauna, in der man Wärme aufsaugt und speichert wie eine Thermoskanne. Man wandelt zwischen entspannt lächelnden Menschen, genießt die Zeitlosigkeit und taucht ein in das Element Wasser  - warmes Wasser. Dazu ein Wasserbett zum Relexen, Rosenquarz, Entspannungsmusik. So etwas würde ich mir in den warmen Ländern nie gönnen. Schön, dass es Deutschland gibt!
    Weitere Tipps: Kino, Kerzen, Telefonieren, lesen, Cafe, bummeln, Sonnenbank, Freunde treffen, kuscheln. Deutschland macht erfinderisch im Überlebenstraining!  

    Kommentar von Helga Wolter — 28. September um 13:58

  2. Wo ist das Bild vom "ausgehöhlten Baumstamm"? *g*
    

    Kommentar von Jan Frederik — 7. April um 14:40

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