Regenwetter
Der Mensch ist ein Seil, gespannt zwischen Tier und Übermensch.
Leise trommeln die Tropfen gegen mein Fenster. Nein, eigentlich ist es kein Trommeln, dazu ist der Klang nicht dunkel genug; es ist auch kein Prasseln, denn dazu ist er nicht entschieden genug. Vielleicht kann man das Geräusch ein Nieseln nennen. Doch egal, wie man es nennt: Es ist die richtige Untermalung für einen Tag wie diesen.
Die Woche Regenwetter hat sich tief ins Gemüt gefressen. Ein trüber Himmel trübt den Geist: Will ich programmieren, kommt keine sinnvolle Zeile aus den Fingern, und ich schmeiße mehr um und schreibe neu, als ich vorwärtskomme. Will ich lernen, starre ich doch die Hälfte der Zeit sehnsüchtig auf dem Himmel. Will ich das Rollenspiel vorbereiten, kommt kein Wort aus der Feder, und ich verliere mich nur in dämlichen Ideen und großen Plänen – denen aber der erste Schritt fehlt. So wie allem im Moment. Nur das Bett sieht halbwegs einladend aus. Selbst aus der sonst so treuen und für verregnete Tage geeigneten Mundharmonika kommt kein Ton.
Woher kommt das? Wieso bin ich, ein Vertreter der herrschenden Spezies dieses Planeten, ein hochintelligentes Wesen, von ein paar Tropfen Wasser und ein bisschen Dampf innerlich außer Gefecht zu setzen? Beim Anblick der welken Blätter, die ein kleiner Tornado draußen durch die Straßen treibt, überkommt einen nur noch Melancholie, kein Erstaunen über die Wunder der Natur. Es gibt nur noch Schlaf, Schlaf, so viel Schlaf.
Der Mensch ist eben doch, trotz aller Intelligenz, aller Träumen und Hoffnungen, aller Liebe und allem Weltschmerz, aller Todesverachtung und allem Idealismus, trotz alledem, ein Tier. Ein Tier, das weder sich selbst voll im Griff hat noch seine Umwelt. Ja, eine globale Erwärmung herbeiführen, das kann der Mensch – doch den verdammten Regen unter Kontrolle bringen, das ist auf einmal zu viel.
Die Uni Bielefeld symbolisiert dies wunderschön. Auf der einen Seite ist da die Uni im Sonnenschein:
Groß steht sie da, mächtig und erhaben: In den blauen Himmel recken sich die endlosen Türme, dazwischen stehen breitschultrig die Bauteile da und bieten zwanzigtausend Menschen Platz. Größer war auch das World Trade Center nicht, und nicht halb so erhaben. Eine Meisterleistung einer Gesellschaft, die inzwischen untergegangen ist.
Und daneben die Uni bei Regen, von der es aus gutem Grund kein Foto im Netz gibt: Unter der visuellen Last der Wolken scheinen die Türme ein Dutzend Meter kürzer. Nicht mehr strecken sie sich stolz in den Himmel; nein, es scheint, als müssten sie zusätzlich zur Last der Bauteile nun auch noch den Himmel halten und seien der Aufgabe nicht gewachsen. Klein scheint die Uni an so einem Tag: Eine dreckige Höhle aus mühselig zusammengegossenem Beton, qualitativ nicht mehr als ein ausgehöhlter Baumstamm für einen wasserscheuen Affen. Und wahrscheinlich ist dieses Bild sogar das weit präzisere als das große, mächtige, das sich uns in der guten Stimmung eines sonnigen Tages bietet.

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Kommentar von Helga Wolter — 28. September um 13:58
Kommentar von Jan Frederik — 7. April um 14:40