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   <title>Traumafabrik Mitteleuropa</title>
   <category term="interrail" scheme="tag:swolter.sdf1.org,2007:" label="Interrail"/>

   <content type="xhtml"><div xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml">
      <p>Die Son­ne. Nüch­tern betrach­tet ein Stern un­ter ei­ni­gen
         Tril­lio­nen, im Schnitt ei­ne astro­no­ni­sche Ein­heit von der
         Er­de entfer­nt, etwa ei­ne Son­nen­mas­se schwer und im Be­sitz
         mi­nde­stens ei­nes bewohn­ten Pla­ne­ten und so sieben bis neun
         unbewohn­ter<a xmlns:xhtml="http://www.w3.org/1999/xhtml" href="#footnotetext1" name="footnotemark1" class="footnotemark">[1]</a>.
         Und doch so viel mehr: Leben und leicht be­klei­de­te Frau­en vor
         al­lem.</p>
      <p>Mir brach­te die­se Son­ne vor al­lem die Erin­ne­rung an mein
         In­ter­rail zu­rück, an den Mo­nat ewi­ger Son­ne. Von Ko­penh­a­gen und
         Ke­mi bis Kala­ma­ta, an­derthalb Mo­na­te lang, schi­en nur die Son­ne.
         Ich muss es wissen, mei­s­tens schlief ich draussen, da merkt man
         fast je­den Trop­fen. Und dann, ich glaube, es war ein zehn­ter
         Au­gust, pas­sier­te, wo­vor Ma­je­stix schon immer grau­te: Es kam der
         Himmel auf un­se­re Köp­fe her­un­ter.</p>
      <p>Un­se­re, das war mei­ner und der ei­ni­ger Spa­nie­rin­nen, die wir es
         uns zu­sammen auf dem Deck der Su­pe­rFast IV bequem ge­mach­ten hatten.
         So bequem, wie es halt auf ei­nem Stahl­rumpf ge­ht, aber als 
         In­ter­rai­ler ist man ja hart. Der Wind bläst ei­nem vier Stock­wer­ke
         über der See schon ganz schon um die Oh­ren, wenn man mit dreißig
         Kno­ten ge­gen ei­ne schar­fe Bri­se aus Nord an­stinkt, und so la­gen 
         wir mit un­se­ren Sch­lafsä­cken im Windschutz un­se­rer Rucksä­cke und 
         der we­ni­gen aufge­ste­llten Zelte ver­teilt aufmm Deck. Wach wurde
         ich dann von ei­nem kräfti­gen Don­nern; schon zuck­te der näch­ste
         Blitz du­rch die Wol­ken und be­leuch­te­te die aufge­peitschte See.
         Nein, die Su­pe­rFast beein­druck­te das na­tür­lich nicht im 
         Ge­rings­ten, der Ka­pi­tän hatte schließ­lich einen Fahr­plan 
         ein­zuh­al­ten<a xmlns:xhtml="http://www.w3.org/1999/xhtml" href="#footnotetext2" name="footnotemark2" class="footnotemark">[2]</a>, und so schnitt sie
         du­rch die We­llen. Nur, dass uns Deck­pas­sa­gie­ren jetzt der gan­ze 
         Himmel in Form von Was­ser entge­gen­kam.</p>
      <p>Und es siffte. Wir fuh­ren die gan­ze Nacht du­rch, jetzt in das 
         Aus­sichts­deck am Heck ge­drängt, die Schne­llen in der Mitte, die
         Langsa­men am Rand und die Dummen un­ter der Trau­fe. Und das Schiff
         pflügte un­aufh­alt­sam in die Re­gen­front. Bei je­dem Blitz wurde     
         ei­nem das gan­ze Aus­maß der Mi­se­re ein Stück bewus­ster, die 
         un­entrinnba­re Größe des Wol­ken­feldes kla­rer. Mor­gens die 
         schreck­li­che Ge­wiß­heit: Das hat sich ein­ge­re­gnet. Kein Licht­fleck,
         we­der am Ho­ri­zont noch darüber noch dar­un­ter. Die Welt bestand
         nur noch aus Was­ser un­ter uns, Was­ser in un­se­ren Ge­sich­tern, 
         Was­serdampf über uns und die­sem
         al­ten Con­tai­ner­schiff da drüben, das be­stimmt auch Was­ser gela­den 
         hatte. Ge­gen
         Mittag, zu der Stun­de, zu der die Son­ne sonst am Höch­sten stand,
         legten wie in An­co­na an, und es siffte wei­ter. Abends saß ich im
         Zug nach Bo­lo­gna, und es nie­selte nur noch; Bo­lo­gna selbst war
         nur noch bewölkt. Doch wie soll man "Be­wöl­kung" wert schät­zen,
         wenn man aus der grie­chi­schen Son­ne kommt? Das war in dem Mo­ment
         die Ver­gan­gen­heit: Der Rausch wo­chen­lan­ger, to­ta­ler Frei­heit 
         un­ter der ewi­gen Son­ne. Die Ge­gen­wart: Ein in den engen Sch­luch­ten
         der Al­pen hoch­krie­chen­der Cis­al­pi­no. Und due Zu­kunft: Sechs
         Mo­na­te Bie­le­feld. Die ewi­ge Wol­ken­de­cke, de­ren Tris­tesse du­rch
         die spo­ra­di­schen Lichtbli­cke nur ver­schärft wird.</p>
      <p>In die­sem Mo­ment wusste ich, oh­ne je­den Zwei­fel, wie­so einst
         das Volk nach ei­nem Platz an der Son­ne schrie. Hät­ten sie doch
         ein­fach das gan­ze Land ver­legt.</p>
   <div class="footnotes"><p xmlns:xhtml="http://www.w3.org/1999/xhtml"><a href="#footnotemark1" name="footnotetext1" class="footnotetext">[1]</a> So si­cher ist man sich da nicht und 
            wir arbei­ten als Men­schheit schließ­lich heftig dar­an,
            einen unbewohn­ba­ren Pla­ne­ten zu schaffen.</p><p xmlns:xhtml="http://www.w3.org/1999/xhtml"><a href="#footnotemark2" name="footnotetext2" class="footnotetext">[2]</a> Wohl Absol­vent der "Ti­ta­nic School of 
         Na­vi­ga­ti­on". Gut, es ist auch ei­ne ho­he Kunst, in der Adria das
         Schiff vor einen Eisberg zu setzen.</p></div></div></content>
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