Pnyxomancer

6. März 2008

Von Steinen und Deutschen

Abgelegt unter: TagebuchSteve um 01:15

In den letzten Wochen hatte ich, neben dem Lernen, die große Ehre, das Spielerhandbuch zur 7th Sea zu lesen. Die Welt der Siebten See, das ist eine Rollenspielwelt im Europa des 17. Jahrhunderts, in der all die Geschichten um die großen Helden dieser Zeit wirklich passieren: D'Artagnan, Zorro, Francis Drake, William Turner und Jack Sparrow sind die Archetypen von Charakteren (also spielbaren Rollen); die Rettung von Königreichen, die Eroberung von Jungfrauen und die Wahrung ihrer Ehre das Ziel.

Analog zum Vorgängerspiel Legend of the Five Rings hat AEG sich für die Siebte See einen realen Kontinent genommen und ihn kräftig durch den Mixer gerührt, einmal gesiebt und dann neu geordnet. Übrig blieben Stereotypen der sieben großen Nationen Europas: Britannien, Frankreich, Spanien, Italien, Deutschland, Schweden und Russland.

Es ist ja schon interessant, sich die Klischees über das eigene Land durchzulesen. Da wird geschrieben über Menschen mit einem unbeugsamen Willen und unglaublichem Mut; da wird geschrieben von einer Sprache, die kein Wort für surrender kenne[1]. Und die Deutschen, die im ganzen Buch abgebildet sind, sprechen weitere Bände: Mit beinen Beinen stehen sie fest und unbeweglich da, im Regen und Matsch, die Mienen ausdruckslos bis grimmig. Auf den ersten Blick fällt es fast schwer, sie von den dahinter liegenden Steinen zu unterscheiden. Unbeweglich, fest, starr.

Wenn man in einem Land lebt, glaubt man das ja nie. Die eigenen Leute sind immer normal. So viele ausdrucksstarke Deutsche kennt man doch. Well, seit Donnerstag wohnt bei uns in der WG Ana, eine Gaststudentin aus Argentinien/USA, und wenn man mit ihr spricht, fallen einem die alten Lektionen aus Irland wieder ein: Wahrheit ist der Faden, aus dem Stereotype gewoben werden.

Es muss wirklich göttlich gewesen sein, zuzusehen, wie diese Frau geradezu in ihrem Sessel tanzte, während ich in unserer alten Couch saß und mit wohlüberlegt platzierten Gesten meine Rede unterstrich. Da spürte man selbst, am eigenen Körper, die Unbeweglichkeit, mit sich in deutscher Umgebung bewegt. Wie aus dem Stein des Klischees gehauen.

Es muss trotzdem eine Freude für einen sprunghaften Menschen sein, solch einer Ansammlung von stabilen Menschen zuzusehen. Wie wären Deutsche sonst im Ausland so beliebt geworden? Stabilität, Zuverlässigkeit, Unbeeindrucktsein und Bodenhaftung, all das sind gute Eigenschaften, die Steine und Deutsche in der Saga teilen.

Doch: Wenn Steine oder Deutsche unkontrolliert in Bewegung geraten, gibt es viele Tote.

[1] Die Ironie ist wohl, dass Deutsch mit "Ergeben" und "Kapitulation" weit besser dasteht als Englisch, dass sich surrender sogar leihen musste

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