Pnyxomancer

6. März 2008

Von ertrinkenden Helden

Abgelegt unter: RollenspielSteve um 01:15

Es war einmal vor gar nicht allzulanger Zeit, da stieg ich in eine neue Rollenspielrunde ein; und da war es auch Zeit für mich, einen neuen Charakter zu bauen, und natürlich Zeit für mich, das in diesem wunderschönen, hochpolierten und inzwischen unglaublich aufgeblähten System zu tun, das wir alle kennen und lieben: Dungeons and Dragons.

Da wurde mir erst wieder bewusst, wie sehr D&D für mich nach diesem mottigen, tageslichtlosen, staubigen, unaufgeräumten Keller riecht, in den die Gaming Society am Trinity College verbannt war. Ein kleines Kellerloch, mit Gipswänden abgetrennt in den Kasematten unterhalb eines Bahnhofs. Da ist weniger Tageslicht drin als bei der Internet Society. Und da hockten den ganzen Tag Gestalten, die selbst mein durchaus nerdgewöhnter Blick kaum ertragen konnte; Gestalten, die so stereotypisch waren, dass sie in einem beliebigen Bond-Film hätten auftreten können. Und natürlich – deren liebsten, nein, deren einziges Rollenspielsystem war D&D, und das war gut und richtig so. Denn sie brauchten was zum Optimieren.

Ich aber baute jetzt so meinen schönen Charakter. Einen Zwergen, Stufe 10, mit 36 Punkten für Attribute – für diejenigen, die sich mit dem System nicht so auskennen, kann man das ganz einfach übersetzen: Das ist schon ein epischer Held, ein Glanzlicht seiner Rasse. Eine Stufe 1 im D&D-Sytem beschreibt einen normalen Menschen; die Führer ganzer Städte, Stämme, ja kleiner Königreiche liegen alle im Bereich um die Stufe 10.

Dieser Zwerg sollte also nun sein Abenteurerleben als Paragon Dwarf begonnen haben, was ein besonders exzellentes Exemplar seiner Rasse bedeutet; sich danach einige Stufen als Kämpfer herumgeschlagen haben, also in der guten Gesellschaft solch schillernder Figuren wie Siegfrieds, Alexanders des Große, Herkules und Guybrush Threepwoods; und danach übergetreten sein in den ehrwürdigen Orden der zwergischen Verteidiger, die Ehren- und Leibgarde der zwergischen Höfe. Er besitzt eine wahrhaft legendäre, von Menschen nicht zu erreichende Stärke; seine Geschicklichkeit, Intelligenz und Konstitution sind weit überdurchschnittlich. Seine Chance, einen Fall aus mehreren Kilometern Höhe zu überleben, ist weit über 99%. Wäre er ein Kleriker, stünde er kurz davor, Menschen wiederbeleben zu können. Kurzum, ein wahrer Held.

Und wie schaltet man so einen Helden aus? Richtig! Man setzt ihn in den Gängen seiner Heimatminen aus, denn er hat mangels der Fertigkeit "Wissen (Lokales)" keine Ahnung, wo er hin soll, und verhungert, weil er selbst grundlegende Überlebenskenntnisse nicht hat. Rutscht auf Bananenschalen aus, könnte kein kleines Kind belügen, ist handwerklich ungeschickt und generell nicht zu gebrauchen. Wie kommts, fragt ihr? Tja, D&D-Charaktere kriegen eben nur wenige Fertigkeitspunkte, die braucht man für die Kernfertigkeiten. Ansonsten kann ein Charakter nix.

Drückt man diesem Charakter eine beliebige Waffe in die Hand, kann er sie genauso gut führen wie seine ureigene, angestammte Axt; er kann kaum entwaffnen, hat keine Kampferfahrung, keine Kampfreflexe, kann nur mit Müh und Not jemandem mit seinem Schild eins verpassen, hat kein Talent zur Führerschaft und kann auch sonst alle coolen Aktionen vergessen – denn D&D-Charaktere kriegen eben nur eine Handvoll Talente, die sie hegen und pflegen müssen.

Tja, wahrhaftig, das ist ein großer, schimmernder Held. Springt morgens aus drei Kilometern Höhe ab, tötet die gesamte Besatzung einer Burg, wird hinterher von nem kleinen Kind übern Tisch gezogen und stirbt, weil er in seinen eigenen Tränen ersäuft. Wenn ich mir für das neue, bessere Fantasyrollenspiel eins wünschen darf – ja, wenn ich D&D jemals verändere, dann vor allem eines: Genug Fertigkeitspunkte, mit denen man diese ganzen tollen vielen Talente und Eigenschaften, die einem das neue System nun endlich bietet, auch verdammt noch mal nutzen kann. Oder zurück zur guten alten Zeit, als Helden noch Helden waren und per Default alles konnten – statt nichts.

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