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   <title>Vom gedeckten und ungedeckten sozialen Scheck</title>
   <category term="politik" scheme="tag:swolter.sdf1.org,2007:" label="Politik"/>

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      <p>Es gibt da etwas, das wun­dert mich schon lan­ge: Was treibt die
         Herrschen­den in un­se­rer Ge­se­llschaft ei­gentlich dazu, einen sol­chen
         Wust an Ge­setzen aufzu­ste­llen? Wo­her kommt das: Die ber­üh­mte deut­sche
         Re­ge­lungs­wut, die aber gar nicht spe­zi­fisch deutsch ist?</p>
      <p>Für die Antwort möch­te ich mal ku­rz in die Psy­cho­lo­gie aus­ho­len:
         Zum Selbstwert­ge­fühl. Das Ge­fühl, das mir sagt: „Ja, ich bin
         gut! Fä­hig! Stark! Er­fah­ren!” So zwei­schnei­dig die­ses Ge­fühl
         auch oft sein mag – ist es doch das Fundament der Ar­ro­ganz 
         – ist es doch die Grundla­ge al­len Han­delns und al­len Füh­rens.
         Al­le star­ken und gu­ten Ge­füh­le kön­nen nicht exi­s­tie­ren oh­ne ein
         star­kes Selbstwert­ge­fühl.</p>
      <p>Die­ses Selbstwert­ge­fühl hat, ei­ner weitverbrei­te­ten An­sicht fol­gend,
         vier Que­llen: Das Sein, das Kön­nen, das Tun und das Haben. Das Haben 
         ist tri­vi­al, der Mer­ce­des sein Bei­spiel. Das Tun ist un­se­rer 
         Nicht-Mehr-Arbeits­ge­se­llschaft nur al­lzu bekan­nt: Aus Arbeit zie­he
         ich Selbstwert, als Arbeits­lo­ser ver­lie­re ich die­ses Ge­fühl der
         Nützlich­keit. Die bei­den an­de­ren Que­llen sind dage­gen we­ni­ger
         offen­sicht­lich. Da ist auf der einen Sei­te das Kön­nen. Ich, Ste­ve,
         ken­ne mei­ne Fä­higkei­ten. Die Wer­ke, die ich mit mei­nem 
         Arm vollbracht habe, haben mich ge­lehrt, was ich bewe­gen kann, und
         das nen­ne ich mei­ne Kraft. Die mag nicht groß sein, aber sie ist da,
         und ich ken­ne sie. Die Gedan­ken, die ich mit mei­nem Geist erdacht
         habe, haben mich ge­ler­nt, was ich ver­ste­hen und er­den­ken kann, und
         das nen­ne ich mei­ne In­te­lli­genz. Die­se und vie­le an­de­re mei­ner
         Ei­gen­schaften bil­den zu­sammen den Teil des Selbstwert­ge­fühls, den ich
         aus dem Kön­nen zie­he. Das Selbstwert­ge­fühl des Seins dage­gen stammt
         aus tiefe­ren Que­llen: Ich bin ein Mensch, ein Mann, ethisch, At­he­ist
         und vie­les mehr. Und ja, auch Deut­scher. All das kön­nen Que­llen des
         Selbstwert­ge­fühls sein.</p>
      <p>Nun, schau­en wir uns in die­sem Lich­te den ty­pi­schen Po­li­ti­ker doch
         mal an. Was hat er? Nichts, was ei­nem die Wo­gen des Schick­sals nicht
         schne­ll neh­men kön­nten. Kei­ne rie­si­gen Reichtü­mer, kei­ne Ar­mee. Al­so
         kaum Selbstbewusstsein aus dem Haben her­aus. Was tut er? Nichts, was
         nicht je­der an­de­re auch tun kön­nte. Mit 600 an­de­ren im Bun­de ein paar
         Ge­setze ver­abschie­den. Was kann er? Wohl nicht viel, denn der 
         Du­rchschnitts­po­li­ti­ker hat sein Stu­di­um im StuPa ge­fri­s­tet und ist
         noch vor dem Abschluss gleich mal ins Par­la­ment ge­gan­gen und hat sich
         seitdem dort mit dem ewig glei­chen Trott be­schäftigt. Was ist er?
         Nun, Bun­deskanzle­rin – aber das kann sich schne­ll än­dern, da kann
         man kein Selbstwert­ge­fühl aufbau­en. Ja, zu Zei­ten der Kö­ni­ge wä­re das
         an­ders ge­wesen, aber die­se Zei­ten sind ja zum Glück vorbei. Der heu­ti­ge
         Po­li­ti­ker ist nicht mehr als sein Amt und vie­lleicht ein ganz netter
         Mensch.</p>
      <p>Der Sta­tus ei­nes Men­schen in der Ge­se­llschaft muss du­rch sein
         Selbstwert­ge­fühl ge­deckt sein. Wer sich nicht zu­traut, zu stu­die­ren,
         fäl­lt schne­ll im Stoff zu­rück und muss aufgeben; wer sich nicht 
         zu­traut, Stei­ne sta­bil aufein­an­der zu schich­ten, wird als Mau­rer
         zö­ge­rlich arbei­ten und wir­ken und sei­ne Arbeit schne­ll los sein.
         Um es kna­pp aus­zu­drü­cken: Un­ser so­zia­ler Scheck ist ge­deckt.</p>
      <p>Doch, was hat so ei­ne Spitzenkraft für ei­ne Rol­le aus­zu­fül­len? Wenn
         die Presse die Bun­deskanzle­rin abwatschen will, wird sie zum Messi­as
         de­gra­diert. Wir haben aber im vor­letzten Absatz schon ge­se­hen: Der
         Po­li­ti­ker an sich hat ebenso klei­ne, wenn nicht klei­ne­re, Que­llen des
         Selbstwert­ge­fühls zur Ver­fü­gung wie je­der von uns. Was aber pas­siert,
         wenn ein Mensch sich mit ei­ner Kon­fron­ta­ti­on aus­ge­setzt sie­ht, die er
         nicht glaubt, er­fül­len zu kön­nen? Wenn al­so sein Selbstwert­ge­fühl
         nicht aus­reicht? Wenn der Scheck der Er­war­tung nicht ge­deckt ist?
         Er kriegt Angst. Und Angst 
         zie­ht die gan­ze Pa­lette an ver­ach­tens­wer­ten Ei­gen­schaften nach sich:
         Pa­ni­sches Festhal­ten an Er­reich­tem, Absi­che­rung um je­den Preis,
         Bu­ckeln nach oben, Tre­ten nach un­ten und vor al­lem Kon­ser­va­ti­vis­mus.
         Das al­les kon­nten wir im Bür­gertum des letzten Jahr­hun­derts hin­rei­chend
         beobach­ten, und das al­les zeigt un­se­re po­li­ti­sche und wirt­schaft­li­che
         Eli­te. Und aus die­ser Angst entste­ht die Ge­ne­ral­abwehr, die wir
         tagtäglich als Pa­ra­gra­phen­wald er­leben: Ei­ne dich­te Mau­er aus Nonsens,
         die der Ängstli­che vor sich aufbaut, um sich vor al­len zu schüt­zen,
         ganz beson­ders vor de­nen, die nicht ängstlich sein zu brau­chen.</p>
      <p>Das ist die Leh­re aus die­ser klei­nen Un­ter­su­chung: Un­se­re 
         Herrschen­den haben Angst. Wie Sch­a­fe. Und wer auch nur ein Mal
         einen Wolf in ei­ner Her­de Sch­a­fe ge­se­hen hat – man beden­ke,
         ein ein­zi­ges Tier un­ter vie­len! – weiß, wie man den Ängstli­chen
         trotz haus­ho­her Un­ter­le­gen­heit er­folgreich bekämpft: Mit Mut.
         Ein Volk, sei­nes ei­ge­nen Wer­tes ein­ge­denk, treibt die Her­de der 
         Po­li­ti­ker vor sich her.</p>
   </div></content>
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