Pnyxomancer

6. März 2008

Vom gedeckten und ungedeckten sozialen Scheck

Abgelegt unter: PolitikSteve um 01:15

Es gibt da etwas, das wundert mich schon lange: Was treibt die Herrschenden in unserer Gesellschaft eigentlich dazu, einen solchen Wust an Gesetzen aufzustellen? Woher kommt das: Die berühmte deutsche Regelungswut, die aber gar nicht spezifisch deutsch ist?

Für die Antwort möchte ich mal kurz in die Psychologie ausholen: Zum Selbstwertgefühl. Das Gefühl, das mir sagt: „Ja, ich bin gut! Fähig! Stark! Erfahren!” So zweischneidig dieses Gefühl auch oft sein mag – ist es doch das Fundament der Arroganz – ist es doch die Grundlage allen Handelns und allen Führens. Alle starken und guten Gefühle können nicht existieren ohne ein starkes Selbstwertgefühl.

Dieses Selbstwertgefühl hat, einer weitverbreiteten Ansicht folgend, vier Quellen: Das Sein, das Können, das Tun und das Haben. Das Haben ist trivial, der Mercedes sein Beispiel. Das Tun ist unserer Nicht-Mehr-Arbeitsgesellschaft nur allzu bekannt: Aus Arbeit ziehe ich Selbstwert, als Arbeitsloser verliere ich dieses Gefühl der Nützlichkeit. Die beiden anderen Quellen sind dagegen weniger offensichtlich. Da ist auf der einen Seite das Können. Ich, Steve, kenne meine Fähigkeiten. Die Werke, die ich mit meinem Arm vollbracht habe, haben mich gelehrt, was ich bewegen kann, und das nenne ich meine Kraft. Die mag nicht groß sein, aber sie ist da, und ich kenne sie. Die Gedanken, die ich mit meinem Geist erdacht habe, haben mich gelernt, was ich verstehen und erdenken kann, und das nenne ich meine Intelligenz. Diese und viele andere meiner Eigenschaften bilden zusammen den Teil des Selbstwertgefühls, den ich aus dem Können ziehe. Das Selbstwertgefühl des Seins dagegen stammt aus tieferen Quellen: Ich bin ein Mensch, ein Mann, ethisch, Atheist und vieles mehr. Und ja, auch Deutscher. All das können Quellen des Selbstwertgefühls sein.

Nun, schauen wir uns in diesem Lichte den typischen Politiker doch mal an. Was hat er? Nichts, was einem die Wogen des Schicksals nicht schnell nehmen könnten. Keine riesigen Reichtümer, keine Armee. Also kaum Selbstbewusstsein aus dem Haben heraus. Was tut er? Nichts, was nicht jeder andere auch tun könnte. Mit 600 anderen im Bunde ein paar Gesetze verabschieden. Was kann er? Wohl nicht viel, denn der Durchschnittspolitiker hat sein Studium im StuPa gefristet und ist noch vor dem Abschluss gleich mal ins Parlament gegangen und hat sich seitdem dort mit dem ewig gleichen Trott beschäftigt. Was ist er? Nun, Bundeskanzlerin – aber das kann sich schnell ändern, da kann man kein Selbstwertgefühl aufbauen. Ja, zu Zeiten der Könige wäre das anders gewesen, aber diese Zeiten sind ja zum Glück vorbei. Der heutige Politiker ist nicht mehr als sein Amt und vielleicht ein ganz netter Mensch.

Der Status eines Menschen in der Gesellschaft muss durch sein Selbstwertgefühl gedeckt sein. Wer sich nicht zutraut, zu studieren, fällt schnell im Stoff zurück und muss aufgeben; wer sich nicht zutraut, Steine stabil aufeinander zu schichten, wird als Maurer zögerlich arbeiten und wirken und seine Arbeit schnell los sein. Um es knapp auszudrücken: Unser sozialer Scheck ist gedeckt.

Doch, was hat so eine Spitzenkraft für eine Rolle auszufüllen? Wenn die Presse die Bundeskanzlerin abwatschen will, wird sie zum Messias degradiert. Wir haben aber im vorletzten Absatz schon gesehen: Der Politiker an sich hat ebenso kleine, wenn nicht kleinere, Quellen des Selbstwertgefühls zur Verfügung wie jeder von uns. Was aber passiert, wenn ein Mensch sich mit einer Konfrontation ausgesetzt sieht, die er nicht glaubt, erfüllen zu können? Wenn also sein Selbstwertgefühl nicht ausreicht? Wenn der Scheck der Erwartung nicht gedeckt ist? Er kriegt Angst. Und Angst zieht die ganze Palette an verachtenswerten Eigenschaften nach sich: Panisches Festhalten an Erreichtem, Absicherung um jeden Preis, Buckeln nach oben, Treten nach unten und vor allem Konservativismus. Das alles konnten wir im Bürgertum des letzten Jahrhunderts hinreichend beobachten, und das alles zeigt unsere politische und wirtschaftliche Elite. Und aus dieser Angst entsteht die Generalabwehr, die wir tagtäglich als Paragraphenwald erleben: Eine dichte Mauer aus Nonsens, die der Ängstliche vor sich aufbaut, um sich vor allen zu schützen, ganz besonders vor denen, die nicht ängstlich sein zu brauchen.

Das ist die Lehre aus dieser kleinen Untersuchung: Unsere Herrschenden haben Angst. Wie Schafe. Und wer auch nur ein Mal einen Wolf in einer Herde Schafe gesehen hat – man bedenke, ein einziges Tier unter vielen! – weiß, wie man den Ängstlichen trotz haushoher Unterlegenheit erfolgreich bekämpft: Mit Mut. Ein Volk, seines eigenen Wertes eingedenk, treibt die Herde der Politiker vor sich her.

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